Ian, du hast oft gesagt, dass der »Klang des Texts« genauso wichtig sei wie seine Bedeutung. Mir kommt es so vor, als sei der Text auf eurem neuen Album NOW What ?! wichtiger als sonst. Ist das so?
Ian Gillan: Nicht mehr als sonst, aber genauso wichtig wie immer. In einer Hinsicht ist das Album allerdings doch ein bisschen anders: Die Themen haben sich musikalisch aus sich selbst heraus entwickelt, so wie in unseren frühen Tagen. In Rock, Fireball und Machine Head hatten zwar nur je sieben Tracks, auf dieser Platte sind es ein paar mehr, weil die Leute heutzutage mehr auf die Quantität schauen, aber das Prinzip ist dasselbe.
Roger Glover: Im Grunde schreiben wir keine Songs, sie ergeben sich beim Spielen, beim Jammen, und das kann ein endloser Prozess werden, denn wenn du Spaß hast, willst du nicht aufhören. Und irgendwann muss sich der Spaß und das Spiel in ein wiedererkennbares Musikstück verwandeln, das man »Song« nennt. Aber eigentlich kommt das nicht vom Kopf her, es kommt von überall her, vom Spielen, vom Singen, die Instinkte spielen eine Rolle, der Körper, die Finger.

Roger, euer neues Album wurde von Bob Ezrin produziert, dem Produzenten von The Wall oder den großen Alice-Cooper-Alben. Warum er?
Glover: Na ja, in einer Band wie der unseren brauchst du jemanden, der außerhalb steht, der objektiv sein kann und Entscheidungen trifft. Und Bob hat Entscheidungen getroffen, für die wir selbst stundenlang hätten diskutieren müssen.
Gillan: Seine Aufmerksamkeit für Details war unglaublich. Einmal sagte er zum Beispiel zu mir: »Kannst du beim Einatmen noch mehr Pathos zwischen die Zeilen legen?« Unglaublich!

NOW What ?! wurde in Nashville aufgenommen. Hat die Stadt die Aufnahme irgendwie beeinflusst?
Glover: Nun, die meisten Leute glauben, dass Nashville nur ein anderes Wort für Country-Musik ist. Aber in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren ist die Stadt wirklich zu einer »Musikstadt« geworden, wo man Rock’n’Roll, Jazz, Singer-Songwriter finden kann, alle möglichen Arten von Musik. Es gibt nicht mehr so viele Orte auf der Welt, an denen es noch so viele intakte Studios gibt, so viele Musiker, die sich am selben Ort zusammenfinden.
Gillan: Und Bar-Bands! Sie haben die besten Bar-Bands der Welt! Es war erfrischend, mal wieder an einem Ort zu sein, wo Musik noch das ist, was sie mal war. Schreiben, aufnehmen, live spielen – alles da!

Viele »Rockstars« weigern sich zu altern. Du, Ian, scheinst dich hingegen stolz so zu zeigen, wie du wirklich bist. Gab es einen Moment, in dem du bewusst entschieden hast, den »wilden« Gillan hinter dir zu lassen, um der elegante Gentleman des Rocks zu werden, der du jetzt bist?
Gillan: Ich fühle mich zwar immer noch sehr lebendig, aber ich kann einfach nicht mehr von schnellen Autos und leichten Mädchen singen – außer vielleicht satirisch wie in »Après Vous« –, weil es irgendwie peinlich ist. Unsere Musik hat sich weiterentwickelt, ist reifer geworden, aber nicht weniger wicked oder abenteuerlustig. Warum sollte das bei den Texten anders sein?



Ihr habt jede Nähe zum Heavy Metal stets abgestritten, während die Metal-Szene eure Musik liebt. Was mögt ihr denn an Heavy Metal nicht?
Gillan: Heavy Metal ist schon in Ordnung, aber wir sind eine Rockband. Wo ist das Problem? Wir wurden im Laufe der Jahre schon als vieles bezeichnet – aber wir sind immer noch eine Rockband. Wie kann ein stumpfes Etikett wie »Heavy Metal« die Bandbreite unserer Musik abdecken, die Elemente von Orchesterkomposition, Big Band-Swing, Folk, Blues, akustischer Spielerei, Country und vor allem Rock’n’Roll enthält? Ich will keinesfalls Bands oder Fans beleidigen, aber die Musik bedeutet weitaus mehr als das Etikett oder irgendwelche Uniformen. Vielleicht bin ich einfach ein Trotzkopf. So wie bei der Sache mit dem Pressefoto für Deep Purple, damals, in den Duweißtschon-Jahren, wo alle ganz schwarz angezogen waren und ich mit Shorts und Hawaii-Hemd ankam.

Ein Songtitel von deinem letzten Solo-Album lautet »Always the traveller «. Welchen Eindruck hat jemand von Deutschland, der jede Ecke der Welt gesehen hat?
Gillan: Tatsache ist: Die Welt ist rund, oder, um genau zu sein, elliptisch. Oder, um total pedantisch zu sein, ein abgeplatteter Rotationsellipsoid. Ecken als solche sind also sehr schwer zu finden, auch wenn ich im Laufe der Jahre in ein paar sehr dunklen war … Manche sagen, Deutschland sei der Geburtsort von Rock’n’Roll as we know it. Ohne die Clubs in Hamburg, Frankfurt, Köln und München hätte es die Beatles oder Deep Purple nicht gegeben. Wenn ihr uns nicht gezeigt hättet, wie es geht, hätte es ähnliche Clubs in London oder Liverpool auch nie gegeben. Und durch solche Orte kam Beat- und Rockmusik erst auf. All die verschiedenen amerikanischen Stile verschmolzen zu einer neuen Sache, durchdrungen von einer neuen Energie. Deutschland hatte daran seinen Anteil, und das werde ich nie vergessen. Wir hatten Glück, dass wir zu der Zeit dabei waren, als die ganze Geschichte international wurde – und seitdem sind wir auf Achse.

  • Foto: Jim Rakete
  • Foto: Jim Rakete
  • Foto: Bruce Payne
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Der Tod des Deep-Purple-Mitbegründers und langjährigen Bandmitglieds Jon Lord während der Aufnahmen muss euch sehr berührt haben. Wie viel von Jon steckt in dem Album?
Gillan: Wir waren alle zusammen im Studio, als wir die unfassbare Nachricht bekamen. Natürlich gab es langes, nachdenkliches Schweigen, bevor jemand ein paar Worte sagte, und allmählich füllte sich der Raum mit Jons Präsenz. In der Situation schrieb ich die Worte »Souls, having touched, are forever entwined« [»Seelen, die sich berührt haben, sind für immer verflochten.« Anm. d. Red.]. Der Satz taucht in dem neuen Song »Above and Beyond« auf.

Mit Claude Nobs, »Mister Montreux Jazz Festival«, ist kürzlich eine andere für die Band sehr wichtige Figur gestorben …
Glover:
Er war ein guter Freund. Seit 1971 war er eine feste Größe in unserer Welt. Wie stilvoll er Dinge anging und durchzog – daran kann man sich wirklich ein Beispiel nehmen. Das Wort charakterisiert ihn – er hatte Stil. »Smoke on the water« handelt vom berühmten Feuer im Casino Montreux 1971, das ein Fan während des Zappa-Auftritts auslöste. Claude wurde nach einer Heldentat während des Brands als »Funky Claude« bekannt: Er rannte ins Untergeschoss, in das sich verängstigte Kinder verirrt hatten, und führte sie ins Freie. »Funky Claude was running in and out, pulling kids out of the ground«, heißt es in »Smoke on the Water«. Mit diesen Worten kann man übrigens auch die Produktion unseres Albums Machine Head beschreiben: Ohne die herausragenden Leistungen des Mannes who made things happen hätten wir das Projekt niemals vollenden können.
Gillan: Claude war in der Tat ein guter Freund. Die Mittagessen in seinem Haus waren legendär; er war immer der perfekte Gastgeber. Das Festival war sein Baby. Er hat es von Kindesbeinen an aufgezogen und zu dem gemacht, was es heute ist. Auf internationaler Ebene gibt es kein vergleichbares jährliches Event, das mehr Respekt genießt oder mehr Spaß macht.

Warum habt ihr nach »Rapture of the Deep« neun Jahre gewartet, bevor ihr wieder Musik im Studio aufgenommen habt? Könnte NOW What?! gar euer letztes Album sein?
Glover:
Manche finden inzwischen schon die Idee eines Albums irgendwie altmodisch, weil es doch nur auf den einen Song ankäme oder vielleicht auf ein paar. Aber für mich ist ein Album wie ein Band-Tagebuch aus der Zeit, in der man es gemacht hat. Jedes unserer Alben ist wie ein Schnappschuss aus den entsprechenden Jahren. Ich glaube, wir waren einfach wieder soweit; ich glaube, man kann die Musik sehr gut als Deep Purple identifizieren, und trotzdem haben wir noch nie zuvor etwas Ähnliches aufgenommen. Und ich glaube, das liegt an dem großen Abstand zwischen den letzten Alben.
Gillan: Der Titel ist absolut angemessen. Es fühlt sich so an, als seien wir nach so vielen Jahren on the road aus einem Tagtraum erwacht. Ist Rapture of the Deep wirklich schon neun Jahre her? Aber all die Auftritte haben unserer Performance auf NOW What ?! wirklich gutgetan. Ich habe nicht im geringsten das Gefühl, das ist das Ende der Fahnenstange. Whatever next?!

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Bernd Hocke

Bernd Hocke studierte Betriebswirtschaft, ist Finanzfachmann und Kommunikationschef der Edel AG.

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