Als Ursula Andress im ersten Bond-Film »James Bond jagt Dr. No« aus dem Wasser steigt, trägt sie einen weißen Bikini mit Messer am Gürtel und eine Taucherbrille – sie ist als Honey Ryder auf Muschelsuche. Mag heutigen Zuschauern diese Szene lediglich hübsch anzusehen erscheinen, dürfte sie damals im Publikum für einige Atemnot gesorgt haben: Frauen zeigten sich 1962 am Strand ausschließlich in einteiligen Badeanzügen und bittesehr niemals mit offenen, nassen Haaren, sondern stets mit einer Badekappe bekleidet. Dekoartikel wie Riesenmuscheln ließen sie sich vielleicht von einem Mann schenken, aber sie tauchten doch nicht selbst danach! Und dann auch noch das vorlaute Mundwerk: Honey Ryder fragt Bond forsch, was er hier am Strand zu suchen habe. Als er ihr versichert, er werde ihr die Muscheln schon nicht stehlen, entgegnet sie schnippisch: »Das kann ich Ihnen ebenfalls versprechen« – eine klare Kampfansage, sie zückt dabei ihr Messer. In nur einer Minute auf der Leinwand wurde klar, was von einem Bond-Girl zu erwarten war: ungewöhnliche Schönheit, eine große Klappe, Freiheit von gesellschaftlichen Konventionen.

Filmplakat "Dr. NO"

Filmplakat „Dr. NO“

Umso merkwürdiger eigentlich, dass sich das Vorurteil hält, Bond-Girls seien nur hübsche, zahme Kätzchen, die sich reihenweise vom Helden ins Bett zerren lassen und sowieso früher oder später sterben müssen. Das Bond-Girl habe einen üblen Einfluss auf das Frauenbild unserer Gesellschaft.

Ist das so? Muss man James Bond und seine Frauen so ernst nehmen? Immerhin bleibt dieser Mann seit inzwischen 23 Filmen am Leben, obwohl schon so gut wie jeder Bösewicht des Universums versucht hat, ihn umzubringen. Bond ist eine Fantasiegestalt, ein Idealtypus. Er ist schön, stark, charmant, elegant. So wie die Bond-Girls auch. Und gerade die Frauen, in die sich Bond verguckt, sind keine Kätzchen, sondern mehrschichtige Figuren mit eigener Historie und mit Wahnsinnsberufen wie Physikerin oder Pilotin. Sie beherrschen Kampftechniken, wissen mit Waffen umzugehen, liefern sich mit Bond Rededuelle auf Augenhöhe. Dass sie Charaktere mit eigenem Kopf und Willen sind, ist ein schlauer filmischer Kniff, denn so wird auch Bond selbst für das Publikum noch ein bisschen spannender. Wären seine Gespielinnen nur irgendwelche x-beliebigen Tussis, wäre es einem im Kinosessel herzlich egal, ob sie umgebracht werden und/oder mit Bond im Bett landen.

Oft genug verkörperten die Bond-Girls sogar Prototypen, die der Realität ein paar Jahre voraus waren

Wie wir Zuschauerinnen und Zuschauer Bonds Sexszenen interpretieren, sagt viel über unsere Rollenvorstellungen aus: Wer behauptet, Bond, der alte Macho, würde einfach reihenweise Frauen flachlegen, wiederholt schlicht das Stereotyp, die Frau sei halt passiv, der Mann aktiv, wenn es um Eroberungen geht. Denn er oder sie übersieht, dass auch Bond seinerseits von den Frauen flachgelegt wird.

Filmplakat "Goldfinger"

Filmplakat „Goldfinger“

Während weite Teile unserer medialen Welt noch heute der emanzipierten Realität der meisten Frauen hinterherhängen – siehe Putzmittel-Werbung oder das ausschließliche Interesse weiblicher Serienfiguren an heiratsfähigen Männern – entwickelten sich im Bond-Universum die Frauentypen erstaunlich schnell mit dem jeweils aktuellen Frauenbild. Oft genug verkörperten die Bond-Girls sogar Prototypen, die der Realität ein paar Jahre voraus waren, siehe Ursula Andress’ provokanter Auftritt als Honey Ryder.

Aber egal, wie eigenwillig und unabhängig Bonds Frauen auch sind, nie werden sie zum billigen Emanzenklischee. Stattdessen erlaubten die Drehbuchautoren den meisten ihrer weiblichen Figuren, intelligent, unabhängig, charmant und verletzlich zugleich zu sein. Sie mussten nicht länger nur das »Gute« spielen, als das Frauen auch heute noch in unserer Kultur generalisierend gesehen werden, sondern paktierten mit Bösewichtern wie die legendäre Pussy Galore mit Goldfinger oder waren gleich selbst böse. Sie konnten kämpfen »wie ein Mann«, aber wollten auch jemanden zum Anlehnen. Bond-Girls zeigen ihrem Publikum, dass weder die filmische noch die gesellschaftliche Rolle der Frau festgelegt sein muss. Oder, um mit Bond zu sprechen: »You’re a woman of many parts, Pussy!«

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