Es gibt eine Untersuchung, wonach US-Bürger im Durchschnitt sieben Paar Jeans besitzen. Daher der Name des kalifornischen Jeans-Labels »7 for all mankind«. Wer sich alle seine sieben Jeans bei diesem Label kaufen will, sollte das auf einen Schlag tun – denn der 7FAM-Denim geht schneller kaputt, als man »Baumwolle« sagen kann. Eigentlich ist er immer schon kaputt. Die raue, weiße Stelle auf dem Knie, die krachend riss, als ich mich mit der Hose zum ersten Mal setzte, hatte ich sehenden Auges mitbezahlt. Ich bin allerdings jemand, der glaubt, dass eine 200-Euro-Hose nicht sofort reißen kann. Auch wenn sie so aussieht. Während ich jetzt aussah wie ein Zwölfjähriger, der über den Lenker seines BMX-Rades geflogen war.

Warum hatte ich eine vorzerstörte Hose gekauft? In meinem Alter? Womöglich hatte etwas in mir aussehen wollen wie ein Zwölfjähriger, der über den Lenker seines BMX-Rades geflogen war. Noch einmal so unvernünftig und irre, naiv und blond, kühn und unalt wie ein Zwölfjähriger sein wollen. Stattdessen war ich, wie die Hose, ein Fake. Nie habe ich mich älter gefühlt als in dem Moment, in dem die Hose barst. Offenbar war ich Teil des Wahns geworden, fabrikneuen Konsumgütern eine simulierte Authentizität und eine falsche Identität zu verleihen. Man spricht von »Used-Optik«. Dinge werden ge-»age«-t. Künstliche Jugend durch künstliches Altern. Hm.

Die Möbelindustrie nennt die artifizielle Verrottung »Shabby-Chic«

Nicht nur die Mode ist betroffen. Die Möbelindustrie nennt die artifizielle Verrottung »Shabby-Chic«. Alles, was ungerade ist oder schlecht angemalt, was künstlich zum Rosten oder Quietschen verdammt, fies beklebt, aus Blechfässern oder Euro-Paletten gefertigt ist, fällt darunter. Der Gitarrenhersteller Gibson lässt einen Amateurchemiker namens Tom Murphy fabrikneue Luxusinstrumente verhunzen, um sie als »murphy aged« für den doppelten Preis verkaufen zu können. Diese Gitarren tun so, als seien sie 1959 gebaut und seitdem täglich befummelt worden. Der irre Murphy legt sie wochenlang in die Wüstensonne und bearbeitet sie mit Kältespray, damit der Nitrolack -feine Risse bekommt. Er legt die Mechaniken und die Tonabnehmeroberflächen in Cola, Kaffee und vermutlich auch in Pferde-Urin ein, damit der Glanz verschwindet. Er beklopft und bekratzt mit einer Gürtelschnalle die Rückseite des Korpus, für die endgültige »Used-Optik« durch Lackabplatzer.

In Kalifornien verkauft die Firma Icon Inc. (»The Art of Patina«) erfolgreich sogenannte »Derelicts«. Das sind ausgesuchte, uralte Autowracks, die mit modernster neuzeitlicher Fahrzeugtechnik versehen für rund 200.000 Euro aus einem normalen Individualisten einen Super-Styler machen sollen. Nichts mit rost in peace. »Maßvoll angegammeltes Altmetall« (»Der Spiegel« über Icon) als letzter Schrei – ausgerechnet in Kalifornien, Land der Straffheit, Heimat der Foreveryoungsters. In der perversen Logik der Hypes, Trends, Looks ist das kein Widerspruch. Falten wegspritzen und eine Ruine auf Räder stellen ist das Gleiche: Gepimpt wird immer. Die Patina, die man dem kalifornischen Körper keinesfalls ansehen darf, wird mit umso größerer Verve ans übermotorisierte Fahrzeug delegiert. Das Untote wird zum Status-Symbol, außen wie innen.

Die einzige Used-Optik, mit der ich mich anfreunden muss, ist die, die ich morgens im Spiegel sehe. Das ist schwer genug. Die Vergangenheit zu verklären ist nicht mein Ding, kann ich aber akzeptieren. Die Vergangenheit zu faken und sich damit zu schmücken, um frisch und trendy zu bleiben – nicht. Vielleicht lehrt mich das Loch im Knie, dass ich nicht alt werden will. Es lehrt mich ganz sicher, dass ich weder untot noch unsterblich werden will. Das wäre ja auch keine Haltung, das wäre irgendwie shabby.

 

Bernd Hocke

Bernd Hocke studierte Betriebswirtschaft, ist Finanzfachmann und Kommunikationschef der Edel AG.

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