Plattensammler haben ein inniges Verhältnis zu ihrer Sammlung, sie erinnern sich an den Kauf, an seinen Ort, an die Umstände des Erwerbs. Ein bisschen wie bei einer Liebesbeziehung vielleicht, denn auch Trennungen vergessen Sammler nicht: Preise, die beim Verkauf erzielt wurden und Gründe, wieso es auf einmal vorbei war mit einem Album, das einmal wichtig gewesen ist. Intensive Verhältnisse sind oft nicht einfach, natürlich nicht: Das Hantieren mit Schallplatten ist im Vergleich zum Umgang mit mp3s und CDs mühevoll, es ist das Gegenteil von dem, was wir im neoliberalen Alltag fetischisieren, nämlich die totale Effizienz, Handlichkeit, Mobilität, Flexibilität, Schnelligkeit. Schallplatten sind umständlich – und schwer, verflixt. Das weiß jeder, der schon einmal mit einer Plattensammlung umgezogen ist. Schallplatten stellen Forderungen an ihre Benutzer, sie sind nicht convenient. Aber gerade darin liegt ja eine besondere Pointe. Wer kann sich denn bitte an einen einzelnen Download erinnern? Und wem bedeutet ein daumennagelgroßes Coverbild auf dem Smartphone-Bildschirm irgendwas?

Dust+Grooves_2_lowres_amir--thompson

You can’t judge a book by its cover, mag sein, aber du kannst einen Menschen aufgrund seiner Plattensammlung einschätzen. Und wenn er keine (mehr) hat, dann hat er hoffentlich eine gute Geschichte an ihrer statt. Beispielsweise hat der Verkauf einer riesigen, großartigen Schallplattensammlung die ersten Lebensjahre meines Sohnes mitfinanziert. Woche für Woche verließen braune Pappkartons die kleine Wohnung, in der mein Freund und ich damals mit dem Baby lebten, es war schlimm, aber auch schön. Am Ende war mehr Platz. Und als das Kind etwas größer war, wurde wieder neu gesammelt. Mir selbst ist einmal ein Plattenspieler abgebrannt und meine ganz persönliche Sammlung umfasst mittlerweile nur noch genau zwei Exemplare. Nie im Leben würde ich mich damit fotografieren lassen. Und ich schätze, es würde auch niemand sehen wollen.

In „Dust & Grooves“ hingegen präsentieren hippe Leute von all over the world ihre Lieblinge, sie stehen vor riesigen Regalen und halten bekannte oder total abseitige Cover in die Kamera. Und das kann sich durchaus sehen lassen. Das Vorwort hat der Wu-Tang Clan-Musiker und Produzent RZA geschrieben, der einräumt, was jeder fühlt, der mit Platten lebt: Es hat sich etwas verändert, es ist nicht mehr wie früher, aber der Zauber ist ungebrochen: „Zwar diktiert die digitale Welt heute, wie wir Musik kaufen und hören, aber es ist großartig, dass so viele Sammler und Musikfans nach wie vor die Fahne für das Vinyl hochhalten. Wir teilen das Wissen, dass Vinyl nach wie vor das konkurrenzlose, bis heute unübertroffene Medium für Musik ist.“

Dust+Grooves_Rich-Medina

Und wie dieses Buch die Fahne hochhält! Es versammelt neben den großformatigen Fotos sehr persönliche Interviews mit Sammlern, allesamt Liebesgeschichten. So erzählt Questlove, Schlagzeuger der Hiphop-Band The Roots, Bandleader in der Tonight Show mit Jimmy Fallon, DJ und Professor an der Universität New York, beispielsweise eine Anekdote aus seiner Kindheit, die zeigt, wie intuitiv und radikal subjektiv Zugänge zur Musik, zur Kunst überhaupt gelegt werden können: „Ich wählte Platten nach Logos aus. ABC Records hatte ein tolles Regenbogen-Kaleidoskop-Ding, deshalb interessierte mich alles, was auf ABC erschien. Deshalb mochte ich Rufus. Neil Sedakas Label gefiel mir, weil Elton John und er bei Rocket waren. Die hatten ein richtig cooles Logo. Ich beurteilte Platten danach, wie cool das Logo aussah, wenn es sich auf dem Plattenteller drehte.“ Seltsame Vorstellung, dass die meisten Kinder heute diese Erfahrung gar nicht mehr machen.

„Dust & Grooves“ ist so schwer wie ein Stapel Platten, den man an einem Abend durchhören kann, und wer es gelesen hat und nie einen Plattenstapel in seinem Besitz hatte, dem wird das leid tun. Denn jede Seite ist ein leidenschaftliches Bekenntnis zu Körper und Klang sowie zur Besonderheit von innigen, aufwändigen Beziehungen, ohne die alles nichts wäre – beim Musikhören, bei der Liebe und im Leben überhaupt.

Dust+Grooves_3_lowres_Joe-bussard

Prego Empfiehlt

Eilon Paz
Dust & Grooves - Plattensammler und ihre Heiligtümer

In hochwertigen Fotostrecken und spannenden Interviews geht ‚Dust & Grooves‘ der Sammelleidenschaft seiner Protagonisten auf den Grund. Über 130 Vinyl-Sammler, darunter Stars der Szene wie Gilles Peterson, Ahmir „Questlove“ Thompson, Keiran Hebden und The Gaslamp Killer, gewähren uns einen Blick in ihr Heiligstes und sprechen über ihre Motivation, Geschichte und Lieblingsplatten.

Miriam Holzapfel

Miriam Holzapfel studierte Angewandte Kulturwissenschaften und interessiert sich für alltagskulturelle Praktiken aller Art. Sie ist Redakteurin bei prego.

Weitere Artikel