Angela Merkel hat Geburtstag, sie wird heute sechzig Jahre alt. Da gratuliere ich. Wer sechzig ist, der kann schon eine sehr valide Aussage zum Erfolg des bislang gelebten Lebens machen, denn das, was die Bilanz beeinflusst, sollte schon früh begonnen werden – Kinder, Karriere, Beziehung, ein interessanter Mensch sein, sich selbst verwirklichen, Freunde haben, die Welt bereisen. Angela Merkel ist offenbar vieles gelungen, sie gilt als mächtigste Frau der Welt und ist ein prominentes Beispiel für das, was auf der langen Straße zur Gleichberechtigung der Geschlechter mittlerweile möglich sein kann.

Als ich geboren wurde, war Helmut Schmidt Bundeskanzler. Er wurde später von  Helmut Kohl abgelöst und der wiederum von Gerhard Schröder. Als meine Tochter geboren wurde, war Angela Merkel schon fast zwei Jahre im Amt, seit letztem Jahr wird sogar das unter keinerlei Gedöns-Verdacht stehende Verteidigungsministerium von einer Frau geleitet, und es besteht mittlerweile nicht der leiseste Zweifel mehr, dass man etwas reißen kann als Frau. Auch, wenn es nicht überall einfach ist.

Das Buch »Lust auf Leben. Die neue Generation der Frauen über 60« von Barbara Bauda (Text) und Konrad Rufus Müller (Fotografie) stellt in Einzelportraits 25 Frauen vor, die es alle geschafft haben, jede auf ihre Weise: Der sechzigste Geburtstag ist bereits gefeiert und sie haben etwas zu erzählen – von Entwicklungen, Umwegen, von Erfolg und Scheitern, von Leidenschaften und Beziehungen. Was das Leben eben so bereithält, für Männer und Frauen gleichermaßen. Diese Frauen sind auch jenseits der 60 aktiv, sie pflegen Interessen, Beziehungen und Netzwerke, sie sind Oberbürgermeisterin geworden (Petra Roth und Helma Orosz), Börsenfachfrau und Pilotin (Isolde Wörderhoff) oder Forscherin (Edith Huland) und repräsentieren in der Tat eine neue Generation, die für sich in Anspruch nimmt, was selbstverständlich sein sollte: Frauen leiten Unternehmen, sie sind Journalistinnen, sie kochen im Fernsehen, sie hüten Schafe, sie führen ein Land. Super Sache, aber warum eigentlich nicht?

Der Erfolg von Frauen reicht direkt in meine Privatsphäre hinein, denn ich möchte, dass auch meine Tochter Forscherin oder Pilotin oder Bundeskanzlerin werden kann, wenn sie das möchte. Ich kann ihr aber nichts beibringen oder anerziehen, was nicht von der gesellschaftlichen Realität gedeckt ist. Also bedarf es solcher Frauen, die in Privatleben und Beruf den Einfluss-Spielraum von Frauen erweitern. Worum es aber eigentlich geht, ist gar nicht, dass möglichst viele Frauen möglichst einflussreich werden, dass sie um jeden Preis Karriere machen, dass sie viele Kinder bekommen oder überhaupt keine. Es geht darum, dass eine Frau das tun kann, was sie tun will, auch, wenn es nicht das ist, was die meisten anderen Frauen tun wollen oder was von Frauen generell erwartet wird. Das ist die Messlatte. Und dafür brauchen Frauen Rollenvorbilder und aktive Unterstützung – durch die Politik, durch Männer und durch andere Frauen.

Happy Birthday, Frau Bundeskanzlerin.

Prego Empfiehlt

Lust auf Leben - Die Generation der Frauen über 60
Foto: Konrad Rufus Müller | Texte: Barbara Brauda

Lust auf Leben ist ein ästhetischer und spannender Beitrag zur Debatte um das Älterwerden unserer Gesellschaft aus einer rein weiblichen Perspektive. Das Buch zeigt eine Frauengeneration der über 60-Jährigen voller Tatkraft und Vitalität, die nicht nur ihren Altersgenossinnen, sondern auch der Generation ihrer Töchter und Enkelinnen eine Menge Ermutigendes zu sagen hat.

Miriam Holzapfel

Miriam Holzapfel studierte Angewandte Kulturwissenschaften und interessiert sich für alltagskulturelle Praktiken aller Art. Sie ist Redakteurin bei prego.

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