Schuldig. Ich bin Serien-Täter. Hab’s schon wieder getan. Impulskontrolle verloren. Die Ökonomie der Lüste missachtet. Bereuen kann ich es nicht. Ich habe „Die Brücke“ gebingt. „Die Brücke“ ist eine schwedisch-dänische TV-Serie mit ZDF-Beteiligung, „gebingt“ das Partizip des eingedeutschten Seriensprech-Worts „bingen“. Das hat nichts mit Hildegard zu tun, aber viel mit Visionen, bzw. Televisionen: „Bingen“ (sprich: „bindschen) heißt, viele Episoden einer Serie hintereinander ohne Pause sehen. Bei mir waren es drei Staffeln (ca. 28 Stunden) in gut einer Woche. Hm. Solcher Konsum kann die soziale Integrität gefährden; der Binger ist gehalten, das Entwickeln von autistischen Tendenzen zu vermeiden.

Saga Norén, Kriminalkommissarin aus Malmö, hat diese Option nicht. Es ist ziemlich eindeutig, dass Saga das Asperger-Syndrom hat, eine milde Form von Autismus. Einerseits ist sie ideal für den Job: Sie ist allein, extrem fokussiert auf ihre Aufgabe, und zwar 24/7. Ultra-rational, supercool und analytisch brillant. Militärmantel, Lederhose, gar nicht mal so gepflegtes Haar. Auf der anderen Seite ist es unwahrscheinlich, dass eine Person, die (um das mindeste zu sagen) große Empathie-Defizite hat, sprachlich-soziale Codes nicht begreift und daher unfähig zur psychologisch nuancierten Kommunikation ist, Verhöre führt, Zeugen vernimmt, Angehörige besucht etc. Saga Norén entgeht nichts und alles zugleich; sie ist mittendrin und ein totaler Outsider. Sie braucht einen sozialen Dolmetscher, der Verbindungen mit ihr und für sie herstellt. Sie braucht, sozusagen, eine Brücke.

Die Öresund-Brücke ist „die weltweit längste Schrägseilbrücke für kombinierten Straßen- und Eisenbahnverkehr“ (Wikipedia). Sie verbindet Malmö mit Kopenhagen und Schweden mit Dänemark. Immer wieder ist der gewaltige und gewaltig telegene Bau in schönen, suggestiven Einstellungen zu sehen, die die Episoden aller drei Staffeln rhythmisieren. Auf dieser Brücke beginnt Sagas Saga, als ein perfider Mensch eine Frauenleiche exakt auf der Grenze zwischen beiden Ländern platziert; genauer, zwei halbe Leichen; der Unterteil des einen Opfers liegt auf der einen, der Oberteil eines anderen Opfers auf der anderen Seite. Es wird also ein Fall für Zwei: Saga ermittelt für Malmö, Martin Rohde für Kopenhagen. Korpulent, lebenslustig, zugänglich, fünf Kinder mit drei Frauen, ist er zunächst öresundweit von Saga entfernt. Aber die beiden müssen zusammen arbeiten und ein Team werden, um der eskalierenden Bedrohung durch den Serienmörder zu begegnen.

„Die Brücke“ des Titels meint weniger den Tatort als vielmehr die Brücke, die Saga und Martin zwischen sich bauen müssen. Erst später, nach dem Staffel-Lauf, fiel mir auf, wie ambivalent die Brücke als Metapher ist. Sie verbindet etwas, dessen Teil sie nicht ist, weil sie das ist, was dazwischen ist. Sie gehört zu beiden Seiten und zu keiner. Sie stiftet Identität – aber hat sie selbst eine? Jeder braucht sie – „no man is an island“ sagte der Dichter John Donne –, und doch ist sie ein Nicht-Ort. Ist man letztlich doch immer allein? Muss man letztlich tun, was man tun muss, obwohl man weiß, dass der eine oder die andere das dann auch muss? Am Ende der ersten Staffel – obwohl oder gerade weil sie schlimm endet – kann Saga diese Schicksalhaftigkeit noch vermeiden. Am Ende der zweiten nicht. Andere Mörder, alles krasser, weltpolitischer, actionreicher – aber wie beim Vorgänger läuft auch im zweiten Teil schließlich alles auf die Beziehung zwischen Saga und Martin zu; auf das, was auf der Öresundbrücke damals noch geschah. Der Schluss hat zwar seine Richtigkeit (das ist für Autisten ganz wichtig), ist aber kein Happy End.

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Und das bei einer Serie, deren vielleicht beste Momente die todkomischen sind! Sicher, „Die Brücke“ gehört zum Genre des sogenannten „Nordic Noir“, wo die Mundwinkel zu hängen, die Pullis zu kratzen und die Farben fahl zu sein haben. Auch die Gesellschaftsanalyse – in skandinavischen Krimi-Serien traditionell Bestandteil des Buchs –, fällt in „Die Brücke“ hinreichend düster aus. Eher untypisch ist jedoch der comic relief, den uns Sagas Eigenarten immer wieder bescheren: Dass eine Kommunikation, die keine Ironie kennt, nichts Indirektes oder Andeutendes, nichts Unwahres und Unaufrichtiges, früher oder später und immer wieder mit der sogenannten Realität kollidieren muss, vor allem wenn es um Sex geht, ist klar.

Solche Inszenierungen gehen gerne mal schief. Groß die Versuchung, eine Art Autisten-Slapstick zu veranstalten oder den Asperger-Zustand für niedere ästhetische Absichten zu instrumentalisieren. Nicht mit diesem Skript und nicht mit dieser Schauspielerin. Kim Bodnia verkörpert den Charakter von Martin Rohde, der ein durchaus vielschichtiger, widersprüchlicher, problematischer Mensch ist, ganz hervorragend. Das muss man festhalten, bevor man sich Sofia Helin zuwendet, weil man es sonst vergisst, was ungerecht wäre. Doch was Helin mit Saga Norén macht – und mit uns –, hat etwas geradezu Schockierendes. (Ich gebe zu, dass ich das womöglich noch unter dem Eindruck des Binge-Rauschs schreibe; aber den hätte es ohne Helin überhaupt nicht gegeben.)

Es ist ein steiler, schmaler Grat, auf dem balancieren muss, wer eine Person von derartiger psychosozialer Sonderlichkeit überzeugend spielen will. Sofia Helin balanciert nicht. Ich weiß nicht genau, was sie macht und wie. Man hat halt nie das Gefühl, dass es irgendetwas für sie zu balancieren gäbe, so sehr wächst sie in diese Rolle hinein. Sagas Unnahbarkeit kommt dem Zuschauer unvergesslich nah und geht durch alle Gefühlslagen – wir reden von einer Person, deren hervorstechendstes Merkmal es ist, gefühllos zu wirken. In Interviews sagte Sofia Helin, dass die Rolle die Chemie ihres eigenen Hirns geändert habe. Was man in der Regel als eitles method acting-Gequatsche abtun kann, glaube ich ihr sofort. Deswegen ist es mir auch egal, ob es unrealistisch ist, ausgerechnet eine Asperger-Frau zu einer Kommissarin zu machen. Oder ob die Story nicht immer einem kritischen Blick standhält. Von mir gab’s keinen kritischen Blick, denn: Saga/Sofia hat meine Hirnchemie geändert. In nur 28 Stunden.

Radikal ändern tut sich auch die fantastische Chemie, die zwei Staffeln lang zwischen Saga und Martin herrschte: Sie ist weg. Martin ist weg. In Staffel Drei kommt zur alten Schwedin ein neuer Däne, Henrik Sabroe (gespielt von Thure Lindhardt). Es war halt schon wieder was passiert; irgendein Irrer drapiert seine Opfer als Kunst und bedingt neue bilaterale Ermittlungen. Egal, letzten Endes. Nicht egal: die Frage nach der Hirnchemie der dritten Staffel, bei Saga selbst, und zwischen Saga und dem neuen. Auch ein Supertyp. (Auf seine Weise gestörter als Saga – so wie Martin auch.) Am Ende habe ich Martin nicht mehr vermisst. Echte Fans hatten vor Beginn der dritten Staffel übrigens längst gewusst, dass Bodnia seinen Ausstieg angekündigt hatte. Der echte Ganz-von-vorn-in-einem-durch-Binger weiß so etwas nicht. (Gut, Sie wissen das jetzt, aber das macht nichts. Wenn Sie „Die Brücke“ nicht gesehen haben, wissen Sie gar nichts.) Der Binger ist unschuldig. Auch wenn er sich danach schuldig fühlen mag. So ist es aber doch oft im Leben. Bei Gott, die läppischen 28 Stunden. Nur ein bisschen mehr als ein Tag. Ich rate Ihnen: „Brücke“ bingen. Machen Sie mal frei. Nehmen Sie sich einen Brückentag.

Saga Norén hat meine Hirnchemie geändert

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Staffel 3

Saga Norén ermittelt weiterhin bei der Polizei in Malmö, allerdings ohne Martin Rohde, der eine 10-jährige Haftstrafe verbüßt. Nach wie vor ist Saga überzeugt, mit ihrer Aussage gegen ihn das Richtige getan zu haben. Auch, wenn sie Martin als Kollegen und als ihren einzigen Freund vermisst.

Joachim Otte

Joachim Otte ist Kulturveranstalter, Moderator und prego-Redakteur.

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