„Schon als Kind war ich fasziniert von der ‚West Side Story‘. Ich liebte die Musik, die Tänzer und die Inszenierung“, schwärmt der schwedische Musiker Nils Landgren, „Leonard Bernsteins Musik öffnet die Seele. Sie hat Tiefgang, Humor, wunderbare Texte und fantastische Melodien. Und die Tonsprache eignet sich gut für Improvisationen.“ Deshalb kleidete Landgren für sein neues Album „Some Other Time – A Tribute to Leonard Bernstein“ Songs des legendären Kollegen in ein Jazzgewand. Landgren, der als einer der weltbesten Posaunisten gilt, holte sich Unterstützung bei einer erstklassigen Jazzband sowie 18 Holz- und Blechbläsern der Bochumer Symphoniker – „wunderbare Musiker, die es spannend fanden, mit improvisierter Musik eine Brücke zwischen Klassik und Jazz zu schlagen.“ Bernsteins Musik lässt sich leicht in Jazz umarrangieren, stellte er fest, „vor allem wenn man auf einen perfekten Arrangeur wie Vince Mendoza zurückgreifen kann“. Der fünffache Grammypreisträger hatte schon für Joni Mitchell, Herbie Hancock oder zuletzt Melody Gardot gearbeitet.
In einigen Songs ist Landgren selbst als Sänger zu hören. Doch für den größten Teil konnte er die US Sängerin Janis Siegel von Manhattan Transfer gewinnen. „Ihre Stimme passt perfekt“, sagt er. Er hatte sie bei einem Jazzfestival kennengelernt und erstaunt festgestellt: „Sie kannte all meine Alben.“ Siegel ist eng mit Leonard Bernsteins Tochter Jamie befreundet und stellte den Kontakt zwischen den beiden her. „Jamie half mir bei den Texten“, erzählt Landgren. Beide waren sich einig, dass sich Leonard Bernstein über dieses Projekt gefreut hätte. „Für ihn war Jazz die klassische Musik der USA. Er sah Klassik und Jazz auf derselben Ebene“.

„Some Other Time“ ist das bisher aufwändigste Projekt des schwedischen Musikers. Er machte sich damit quasi selbst ein Geschenk zum 60. Geburtstag diesen Februar. Mit dem Älterwerden habe er kein Problem, versichert er. „Ich bin froh über jeden Tag, an dem ich aufwache. Ich freue mich über ein bisher tolles Leben. Ich habe viel erlebt – Positives und Negatives. Ich bin seit 38 Jahren glücklich verheiratet“. Und dann fasst der Künstler, der sich im Interview als offener, humorvoller Gesprächspartner zeigt, sein Leben in einem Satz zusammen: „Ich bin ein sehr glücklicher Mensch“.

Landgren, der als 13jähriger anfing, Posaune zu spielen, später sechs Jahre klassische Posaune studierte und in der Folgezeit von Kollegen wie Abba oder Herbie Hancock ins Studio geladen wurde, veröffentlichte 1983 sein Debütalbum. Seit 1995 erscheinen seine Alben auf dem renommierten independant Jazzlabel ACT Music.
Wegen seines farbigen Lieblingsinstruments wird er gern „Mann mit der roten Posaune“ genannt. Seit er in den 80er Jahren als Musicalkünstler auftrat, ist er auf seinen Alben auch häufig als Sänger zu hören. „Ich singe ein bisschen, wie ich Posaune spiele. Der Text gibt mir weitere Ausdrucksmöglichkeiten. Ich kann damit besser eine Stimmung und eine Geschichte vermitteln.“

landgren

Janis Siegel und Nils Landgren

Er lebt mit seiner Ehefrau, der Schauspielerin Beatrice Järas, in der Nähe von Ystad in Südschweden – einer Gegend, die vielen deutschen Fernsehzuschauern aus Krimis bekannt sein dürfte. „Wir wohnen mitten im Wallander Land. Seit meine Frau in einem der Filme mitgespielt hat, kann sie Mankells Geschichten nicht mehr ertragen. Sie sind ihr zu brutal.“ Landgren entspannt sich eh lieber beim Blick aus seinem Fenster: „Ich sehe direkt auf die Ostsee. Bei gutem Wetter kann ich im Hintergrund die dänische Insel Bornholm erkennen“.

Er hat selten genug Gelegenheit, das Panorama zu studieren. Gerade ist er wieder mit verschiedenen Programmen in Deutschland auf Konzertreise. So tritt er in den „Some Other Time“ Jazz Nights mit der Neuen Philharmonie Frankfurt, den Nils Landgren All Stars und der schwedischen Sängerin Viktoria Tolstoy auf.
Zu den Lieblingssongs in seinem Bernstein Live Repertoire gehört „Somewhere“: „Der Text ist gerade wieder sehr aktuell. Wir alle wünschen uns doch, dass wir einen Ort finden, an dem wir Ruhe und vor allem Frieden finden. Das ist ja genau das, was sich all die Menschen erhoffen, die zur Zeit auf der Flucht sind. Jedes Mal, wenn ich das Lied singe, berührt es mich zutiefst. Und ich denke, wenn Menschen vor dem Elend des Krieges fliehen, darf man ihnen nicht die Hilfe versagen.“ Er selbst engagiert sich in seiner Benefiz-Organisation Funk for Life. „Doch die beste Antwort auf Gewalt ist es, wenn man schön und hingebungsvoll musiziert. Musik verbindet. Musik trifft ins Herz. Musik ist Kommunikation. Musik ist Frieden.“

Nils Landgren live:
06.03.16 DE, Dessau, Karsten Jahnke JazzNights, Kurt Weill Festspiele
09.03.16 DE, Frankfurt, am Main Karsten Jahnke JazzNights, Alte Oper
11.03.16 DE, Dresden, Karsten Jahnke JazzNights, Alter Schlachthof
12.03.16 DE, Karlsruhe, Karsten Jahnke JazzNights, Tollhaus
13.03.16 DE, Düsseldorf, Karsten Jahnke JazzNights, Tonhalle
18.03.16 DE, Lübeck, Karsten Jahnke JazzNights, MuK
19.03.16 DE, Hamburg, Karsten Jahnke JazzNights, Laeiszhalle
20.03.16 DE, Leipzig, Karsten Jahnke JazzNights, Haus Auensee
26.03.16 DE, Stuttgart, Theaterhaus Jazztage
21.04.16 CH, Basel, Off Beat Festival, Volkshaus
09.05.16 DE, Friedrichshafen, Bodensee Festival
18.06.16 DE, Trier, Porta Nigra

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Nils Langren, Janis Siegel
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„Ich habe Bernstein immer verehrt, als Musiker, als Dirigent, als Komponist, aber einfach auch als Menschen. Seine Musik ist einfach einzigartig, sehr charakteristisch, wie er schreibt. Und immer emotional und menschlich“, sagt Nils Landgren über den großen Komponisten des 20 Jahrhunderts, dem er mit „Some Other Time“ ein persönliches Denkmal setzt. Es ist sein bisher aufwendigstes Albumprojekt geworden, pünktlich zu Landgrens 60sten Geburtstag am 15. Februar 2016.

Christiane Rebmann

Christiane Rebmann arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Kulturjournalistin für den SWR und den Deutschlandfunk. Sie hat Persönlichkeiten wie Simon Rattle, Daniel Barenboim, Anne-Sophie Mutter, Mick Jagger, Madonna, Astor Piazzolla, Lady Gaga oder Paul McCartney teilweise mehrfach zum Gespräch getroffen und für Magazine und Wochenzeitungen wie Brigitte, Stern und die Zeit porträtiert.

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