Auch wenn man nicht im Jazz zu Hause ist, weckt das Album-Cover Interesse: ein Bild von einem Jungen, der eine Ikarus-Figur vor einem tiefblauen Himmel in die Höhe reckt. Der Name des Albums ist poetisch und vielversprechend: »Kid Icarus«. Ein Höhenflug oder zumindest der Versuch, abzuheben, immer der Sonne entgegen, ist zu erwarten. Auf der Innenseite des Booklets steht ein Zitat von Oscar Wilde: »Never regret thy fall, oh Icarus of the fearless flight, for the greatest tragedy of them all is never to feel that burning light.« Furchtloser Flug, größte Tragödie, stechendes Licht – das klingt aufregend!

»Kid Icarus« ist das dritte Album des Trios von Pianist Tim Allhoff mit Andreas Kurz am Bass und Bastian Jütte am Schlagzeug. Die Musiker standen bereits mit allen Größen des zeitgenössischen Jazz auf der Bühne, unter anderem mit Michael Wollny, Nils Landgren, Johannes Enders und Jamie Cullum. Für ihr Debut »Prelude« und den Nachfolger »Hassliebe« erhielten die Musiker viel Anerkennung und zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Deutschen Jazzpreis 2010, den ECHO Jazz 2011 als »Newcomer National« und den Bayerischen Kunstförderpreis 2013.

Tim Allhoff Trio

Vielleicht liegt es daran, dass Tim Allhoff auch Filmmusik komponiert und von 2009 bis 2011 musikalischer Leiter des Theater Ingolstadt war, vielleicht ist es aber auch einfach Ausdruck von Kreativität und Mut der Musiker: Das Album klingt wie eine Komposition völlig unterschiedlicher, dramatischer Szenen. Auf das titelgebende Stück »Kid Icarus« – zunächst vogelfrei im tänzelnden Flug, dann deutet sich Dramatik an, es wird immer schneller, und nach einer kurzen Pause ein sphärisch klingendes Nachspiel wie aus dem »Off« – folgt ein Zwischenspiel, »Interlude«; nach den verrückten Hähnen in »Los Pollos Hermanos« reiht sich ein ruhiges nachdenkliches »What’s left« ein, dann kommt »Sammy The Turtle«, eine stetig und neugierig vorankriechende Schildkröte.

Nicht-Jazz-Kenner haben häufig das Gefühl, es ginge bei dieser Gattung darum, die Skalen möglichst schnell rauf und runter zu spielen und keine Ruhe aufkommen zu lassen. Aber auf diesem Album ist neben tobenden, stürmischen Passagen auch Platz für wohlüberlegte, ruhigere Kompositionen, Pausen und Grooves. Melodiöse Elemente und Beats sorgen für einen verspielten, leicht poppigen Sound.

Das Album endet mit »Sunday Song«: ein Nachsatz, ruhig, erschöpft, wir sind zurück am Boden, etwas enttäuscht, die Sonne nicht erreicht zu haben, aber nicht zerstört, sondern glückselig. Das Oscar Wilde-Zitat ist also tatsächlich wörtlich zu nehmen: Verlassen sie den festen Boden unter den Füßen, hören Sie etwas Neues und entdecken Sie Ungewohntes! Sie werden belohnt.

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Tim Allhoff Trio
Kid Icarus

Mit »Kid Icarus«, dem mit Spannung erwarteten dritten Album des preisgekrönten Trios, wagen sich die drei Weggefährten noch einen Schritt weiter als bisher und stellen erneut Mut, Kreativität und Neugier unter Beweis. Mit seinem Trio gewann Tim 2010 den »neuen deutschen Jazzpreis« und wurde 2011 mit dem ECHO JAZZ als »Newcomer des Jahres national« ausgezeichnet.

Imke Borchers

Imke Borchers ist Literaturwissenschaftlerin und Redakteurin bei prego.

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