Der Claim der Wilde-Kerle-Saga lautet »Alles ist gut, so lange du wild bist«. Wie wild wünschen Sie sich denn die Welt?
Als ich beschlossen habe, Kinderbücher zu schreiben, habe ich einen Artikel in der GEO gelesen, in dem von einem Jungen erzählt wurde, der obdachlos ist, Satansmessen auf dem Friedhof feiert, sich mit stadtbekannte Säufern rumtreibt, raucht und die Schule schwänzt. Gemeint war Huckleberry Finn, der Kinderbuchheld. Wenn man heute sieht, wie Kinderbücher sind und wie Kinder leben, mit Fahrradhelmen und Eltern, die sie zur Schule bringen, dann merkt man: So etwas gibt es nicht mehr. Ich komme aber noch aus so einer Welt: Ich bin in einer Zechensiedlung aufgewachsen, und für mich war Kindergarten wie Hausarrest. Wenn ich Mist gebaut hatte, dann musste ich da hin, sonst nicht. Als ich dann in die Schule ging, musste ich mittags raus und wieder zurück sein, wenn es dunkel wurde. Es gab keine Erwachsenen, die für uns abgestellt waren, um uns zu beaufsichtigen. Und diese Welt wollte ich wieder aufmachen. Meine Bücher sind nicht für Mütter oder Tanten oder Omas. Kinder finden etwas anderes schön. Meine Bücher sind schwarz, die gehen um Fußball, da wird geflucht und gefurzt und die Kinder brechen nachts aus. Ich musste dafür kämpfen und ich durfte das schließlich machen, aber es war nicht so, dass die Leute mir das aus der Hand gerissen haben. Ich habe hunderte von Lesungen gemacht, bis genug Kinder davon wussten, und die haben dann ihre Eltern an der Hand genommen und gesagt: Das will ich haben! Dass ich bewusst so coole Jungs mache, wurde mir schon häufig vorgeworfen, aber wenn man sich die Bücher durchliest, dann geht es vor allem um Angst und wie man sie loswird. Man muss Angst haben, um mutig zu sein, und man kann nur stark sein, wenn man seine eigenen Schwächen zulässt. Darum geht es. Und um Konsequenzen. Als Kind darf ich eine Regel brechen aber ich muss lernen, die Konsequenzen zu tragen. Kinder haben oft eine irre Angst davor, Fehler zu machen. Archaisch wild sind meine Figuren nur in dem Sinn, dass ich sage, dass Jungen wie Jungen sein dürfen müssen.

Joachim Masannek & Miriam Holzapfel im Interview

Wie verträgt sich diese Wildheit mit den geradezu preußischen Tugenden, um die es in den Wilde-Kerle-Büchern zugleich auch geht, um Disziplin, Pflichtbewusstsein, Zuverlässigkeit und solche Dinge. Kann man denn wild sein und diszipliniert zugleich?
Wild sein heißt für mich, dass man sich traut, das zu tun, was man möchte und dass man die Grenzen austestet und die Konsequenzen des Handelns trägt. Und erst dann bin ich zuverlässig. »Preußisch« – das mag ich nicht. Das klingt ja auch sehr nach Gehorsam. Ich zum Beispiel stehe morgens um vier auf und arbeite dann, damit ich um zwölf fertig bin weil ich dann etwas anderes zu tun habe. Da kann ich nicht sagen, ich habe keinen Bock. Ich kann mir das nicht erlauben. Man braucht Disziplin, wenn man jeden Tag dasselbe macht und dabei handwerklich gut sein will.

Das heißt, es geht bei diesen Werten und auch bei ihrem Konzept von Wildheit vor allem um Verantwortung für sich selbst und das eigene Handeln?
Ja, die Kraft muss aus einem selber kommen. Wir leben in einer Gesellschaft, mit Facebook und den Castingshows und so, wo wir uns unser Selbstwertgefühl immer von außen holen. Wir leben öffentlich, damit wir was wert sind. Zugleich fühlen sich die Leute schwach, weil sie gar nicht wissen, was eigentlich gut für sie ist. Die Wilden Kerle wissen das aber und die lernen, die Kraft aus sich selbst zu holen. Dazu gehört Disziplin, die müssen trainieren und an dem arbeiten, was man noch nicht kann. Als ich Fußballtrainer war, habe ich den Kindern gesagt: »Ihr macht ja immer nur, was ihr schon könnt. Das ist langweilig!«

Leuchtet den Kindern das dann gleich ein?
Wenn man ihnen dabei hilft und es ihnen zeigt, wie sie über sich hinauswachsen können, dann schon. In Kinderbüchern dürfen Kinder nie älter werden, Pippi Langstrumpf ist immer 9 Jahre alt geblieben. Wenn ich Kinder frage, ob sie das wollen, dann sagen die normalerweise »nein«, es häufen sich aber die Stimmen der Kinder, die sagen »ja, das wäre toll«. Und dann muss man denen Geschichten erzählen und klarmachen, was das heißt. Denn eigentlich wollen Kinder ja erwachsen werden, nur erziehen wir sie so, dass sie das nicht mehr wollen weil wir in einer Spaßgesellschaft leben, wo niemand mehr Verantwortung übernimmt. Dafür brauchen gerade Jungs eben auch diese Wildheit, dieses größer-schneller-stärker-Werden. Wenn Jungs in den Kindergarten kommen, dann sind da meistens nur Frauen, in der Grundschule auch, und auch zuhause sind fast nur Frauen. Und wenn dann so ein Knirps sagt: »Schau mal, ich kann höher und besser springen!« rollen die schon mit den Augen. Und die Jungs merken das und hören irgendwann damit auf.

Aber steht gerade dieses Wettbewerbsprinzip Männern nicht oft auch sehr im Weg?
Ich denke, wenn man das als Kind ausgelebt hat, dann braucht man es hinterher nicht mehr. Ein erwachsener Mann ist stark, der muss nicht jeden Tag mehr beweisen, dass er aber stärker ist, das hat er nicht nötig. Das ist so ähnlich, wie wenn ein Kind gerne mit Spielzeugwaffen spielt. Der geht ja dann mit 18 auch nicht in den Waffenladen. Aber den Jungs wird so wenig erlaubt und auch wenig zugetraut.

Sicher ist es für alle Kinder aus verschiedenen Gründen gut, im Alltag sowohl männliche, als auch weibliche Bezugspersonen zu haben. Mittlerweile gibt es immerhin Kampagnen für mehr männliches Personal in Kitas.
Dieses Kindererziehungs-Ding finde ich problematisch. Kitas sind schon okay weil da Kinder miteinander in Kontakt kommen. Das ist wichtig, das brauchen die. Aber für mich ist es komisch, dass es Erwachsene extra für Kinder gibt, das gab es früher nicht, das hatten nur ganz Reiche, wie bei Mary Poppins. Aber die haben ja auch doof gelebt, ich wollte jedenfalls nicht so leben wie bei Mary Poppins. Wir müssen unsere Kinder mehr loslassen, damit sie erwachsen werden können. Man muss sie das tun lassen, was sie unbedingt wollen und nicht immer alles planen. Aber es gibt natürlich auch das Gegenteil, dass Kinder nichts mehr haben, was sie erdet, die haben Familien, die nicht belastbar sind und nicht arbeiten, seit Generationen nicht. Das sind Kinder, die kennen nur Fernsehen und Handy und Computer, die haben nie einen Stift in der Hand gehalten. Also, man muss sich schon mit Kindern beschäftigen und ihnen immer wieder Sachen zeigen. Aber nur als Anstoß.

Apropos Loslassen: Wie schwer ist es Ihnen gefallen, den Wilde Kerle-Stoff der Adaption für eine Trickfilmserie zu übergeben? Sie haben 14 Bücher geschrieben, alle Drehbücher für die fünf Spielfilme stammen von Ihnen selbst – und jetzt bestimmen andere Menschen, was mit den Figuren passiert?
Am Anfang war das schwierig. Ich sollte ursprünglich die Drehbücher für die Serie auch selber schreiben. Aber ich habe einen gewissen Wert bei den Verlagen und da kann ich nicht anderswo weit unter diesem Wert arbeiten. Und leider werden Autoren beim Trickfilm schlecht bezahlt. Am Anfang gab es außerdem die Angst vor dem ZDF, dass man nicht das Wilde zeigen darf. In Amerika zum Beispiel darf der dicke Michi nicht dicker Michi heißen, das ist politisch unkorrekt. Der heißt da Micky the Bulldozer. Man sagt da zu jemandem nicht dick. Dabei gibt es bei mir sogar den fetten Vetter – und ich finde das in Ordnung. Die Autoren haben sich da von vornherein selbst ziemlich zensiert. Irgendwann sagte aber das ZDF dann: »Das ist uns nicht wild genug«, und der zuständige Redakteur hat sich sehr für den Stoff ins Zeug gelegt und war noch wilder als die ganzen anderen. Mit der Produzentin habe ich mich auch sehr gut verstanden und alle anderen sind in die Sache rein gewachsen. Und dann hab ich gesagt, passt auf, ihr müsst mich nicht mehr wegen allem fragen. Das ist wie mit Kindern und ich hab das losgelassen – ich will ja nicht mein Leben lang »Wilde Kerle« machen. Wenn ich die Zeichentrickserie gemacht hätte, dann hätte ich nichts anderes mehr machen können. Und das wollte ich nicht.

Im Profi-Fußball wird mittlerweile über Disziplin und Kampfgeist gar nicht mehr viel geredet, das wird als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt. Forciert werden Technik, Spielintelligenz, Flexibilität und solche Dinge. Ist das vielleicht auch ein Indiz dafür, dass sich im Selbstverständnis von Männern etwas geändert hat?
Fußball ist auf jeden Fall erwachsener geworden und gesellschaftsfähig, und dadurch ist das Spiel natürlich auch besser geworden, weil das nicht mehr so ein Unterschichten-Ding ist. Wenn die Leute intelligenter sind, wird auch das Spiel besser. Allerdings ist die Welt dahinter zugleich sehr hart und schnelllebig geworden. Günter Netzer wurde noch beschimpft, als er zu Real Madrid gegangen ist. Heute ist es normal, dass Spieler nach einem halben Jahr wieder wechseln können. Da müsste man wieder etwas ändern und für mehr Nachhaltigkeit sorgen und die Leute mehr binden.

Auch emotional mehr binden?
Ja, das vor allem. Fußball ist auch für die Fans etwas, das geerdet sein muss, da kann man nicht von überall her Leute zusammenkaufen. Wenn man bei Real Madrid ist, dann schon, da geht einer erst raus, wenn er tot ist. Ich selbst gucke unheimlich gerne Fußball, das hat auch etwas Kindliches. Ich bin dann wieder 13 Jahre alt und die Spieler sind erwachsen. Dabei sind die so alt wie meine Söhne.

Interview: Miriam Holzapfel

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Miriam Holzapfel

Miriam Holzapfel studierte Angewandte Kulturwissenschaften und interessiert sich für alltagskulturelle Praktiken aller Art. Sie ist Redakteurin bei prego.

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