Meret, dein neues Album »Deins & Done« enthält mit dem Song »Brauttanz« ein bemerkenswertes Duett mit Blixa Bargeld. Und das singt ihr in einem Harmoniestil, der eigentlich für Countrymusik typisch ist. Mich hat das an Hank und Audrey Williams in den dreißiger Jahren erinnert. Wie viel Country steckt in Meret Becker?
Das ist interessant zu erfahren! Ich habe Hank Williams nie unter diesem Gesichtspunkt gehört. Als Deutsche habe ich vermutlich einfach zu wenig Country und somit auch nicht solche Duette mitbekommen. Ich wusste, Blixa und ich würden harmonieren. Ich habe seine Stimme bereits als Phantomstimme gehört, als ich das Lied noch am Klavier komponierte. Am Klavier klang der Song aber irgendwann wie eine Ballade von Herbert Grönemeyer. Und als mein Gitarrist Buddy Sacher irgendwann meinte, das könnte auch eine Nummer von Konstantin Wecker sein, sagte ich mir: »Leckt mich doch alle am Arsch!« Ich verwarf das Arrangement und spielte das Lied neu mit Gitarre ein. Einzig: Die Phantomstimme blieb und spukte weiter in meinem Kopf herum.

Bob Dylan hat diesen Country-Gesang 1975 auf seinem Album »Desire« aufgegriffen – seine Duett-Partnerin hier hieß Emmylou Harris. Das Album wäre schwer vorstellbar ohne die Harmonie der beiden Stimmen.
Muss ich mir gleich wieder anhören! Das ist auch deshalb für mich so interessant zu erfahren, weil »Deins & Done« sich als Album an eine fiktive Person richtet, an den Cowboy – der für das Andere steht, den Ausweg, die Utopie, das Abenteuer. Und Cowboys und Country, das hängt natürlich miteinander zusammen. Die Aufnahmesession mit Blixa Bargeld wäre übrigens um ein Haar geplatzt.

Warum das?
Wir hatten alles arrangiert. Das Studio war bereits gebucht, die Musiker bestellt. Aber Blixa schrieb mir einen Tag vor den Aufnahmen, dass er das Lied nicht mit mir singen könne, da der Text gar nicht auf ihn zugeschnitten sei. Ich schrieb ihm noch zurück, dass wir es doch gemeinsam hätten singen wollen – hielt seine Absage aber für endgültig. Mit den Musikern bin ich dann schön einen zwitschern gegangen. Und als ich dann spät nachts besoffen wieder nach Hause kam, lese ich Blixas Antwort: die Zusage, doch am nächsten Morgen im Studio zu erscheinen. Kreisch! Da durfte ich dann lallend meine Musiker wieder zusammentelefonieren und in aller Frühe ins Studio bestellen.

Wofür steht Blixa in deinen Augen?
Na ja, er ist nicht nur ein Freund der Familie, ich schätze ihn auch als Musiker sehr. Seine Erfolge und seine Meriten sprechen für sich. Ich bin sogar ganz vernarrt in sein letztes Soloalbum mit Alva Noto.

Alva Noto, das ist der Künstler und elektronische Musiker Carsten Nicolai. »anbb«, sein Album mit Blixa, klingt, als hätten sich die Einstürzenden Neubauten erfolgreich elektrifiziert.
Das wäre mit Sicherheit eine Option für die Neubauten. Überhaupt hat diese Band eine Menge Optionen. Es ist ja eine Qualität, wenn sich eine Band neu erfinden kann – und die Fans sind bereit, auch den nächsten Hakenschlag mitzugehen. Übrigens nahm Blixa bereits 1996 einmal ein Duett mit mir auf. Es trug den Titel »Stella Maris« und markierte damals einen radikalen Neuanfang der Band in Richtung leiserer Töne.

Hattest du eine konkrete musikalische Vorstellung, als du die Arbeit an »Deins & Done« begannst?
Na ja, ich wollte, dass es wie ein musikalischer Autounfall bei David Lynch klingt. Und das tut es ja auch. Finde ich zumindest.

Bei Lynch gibt es viele Autounfälle. Hattest du einen konkreten Crash vor Augen?
Den krassesten natürlich! Das ist der Unfall in der Wüste in »Wild at Heart«, bei dem Sailor und Lulu Zeugen eines Albtraums werden, der in ihr Leben sickert. Während einer Nachtfahrt durch die Wüste fallen ihnen Kleidungsstücke auf, die über den Highway verstreut sind. Sie fahren langsam von der Fahrbahn ab und sehen in der Dunkelheit Tote verstreut auf dem Boden liegen, brennende Autos, Stille. Und dann begegnen sie einer Überlebenden, die wirres Zeug von einem verlorenen Notizbuch redet, sich an den Kopf fasst und aus einer Kopfwunde eine Haarspange zieht.

Was fasziniert dich an dieser Szene so, dass du sie so genau erinnerst?
Das ist die Rolle, die an mir vorübergegangen ist. Die ist sensationell, und ich hätte sie spielen müssen. Tatsächlich habe ich einen solchen Unfall selbst einmal erlebt. Auch da brannte ein Auto am Straßenrand. Mit einem Mal läuft das Leben in Zeitlupe. Man sieht: Da ist nichts mehr zu holen, das war’s. Und bei David Lynch hören wir die Stille gespenstisch präsent. Wir hören die Grillen, die zirpen, und wir hören das Geräusch, das die Haarspange im Kopf macht.

Nicht umsonst besteht Film nicht nur aus Bildern, sondern mindestens ebenso sehr aus Sound.
Genau. Und um die Kurve zum »Brauttanz« zu kriegen: In diesen Song bin ich mit so viel Wucht hineingegangen, dass es nur im Unfall enden konnte. Freilich ein Unfall ohne Tote.

»Jeder schleppt seine Amélie oder seinen Cowboy mit sich herum.«

Warum singst du eigentlich auf Deutsch und Englisch? Oder anders gefragt: Die ersten Lieder auf »Deins & Done« singst du auf Englisch. Dann erst kippt es ins Deutsche.
Aber das habe ich doch schon immer gemacht!

Dir geht es nicht darum zu zeigen, wie weit dein Spektrum reicht?
Nein, und früher habe ich ja noch auf Französisch und auf Jiddisch gesungen. Ich habe mein Spektrum also eher reduziert. Und das Englische, nun ja: Ich sagte ja bereits, dass das Album einem Cowboy gewidmet ist, und Cowboys sprechen nun einmal Englisch. Im Übrigen gehört zu einem auf der Gitarre gespielten Lied nun einmal die englische Sprache. Buddy hatte mir irgendwann einmal eine Gitarre dagelassen, und ich begann automatisch auf Englisch zu singen. Die Songs kamen einfach so aus mir raus. Und mittlerweile liebe ich Country und Bluegrass auch über alles. Während ich in deutscher Sprache und am Klavier eher Geschichten erzähle, ins Kunstlied driften und somit eine viel größere Distanz zum Gesungenen aufbauen kann, kenne ich die Distanz in den englischsprachigen Liedern nicht. Meine sind übrigens über einen Zeitraum von zwölf Jahren entstanden.

Wer ist eigentlich dieser Cowboy?
Jeder schleppt seine Amélie oder seinen Cowboy mit sich herum.An dieser Figur hängt so viel, dass sie nach und nach zum Spiegelbild des eigenen Lebens wird, zur Projektionsfläche. Als Songwriterin und Sängerin muss ich mich natürlich dieser Figur stellen. Die Songs sind dann in diesem Sinne ein einseitiges Gespräch.

So, wie der Kojote den Mond anheult?
Genau. Und je nachdem, welche Instrumentierung ich wähle, wechsele ich vom Englischen ins Deutsche und umgekehrt.

Und sowohl die Cowboylieder als auch die Klavierstücke sind derselben Muse gewidmet?
Genau, das ganze Werk ist sozusagen dem Spiegelbild gewidmet. Dem Cowboy.

»Je sparsamer die Musik, desto mehr Musik entsteht im Kopf.«

Dein Album ist minimalistisch instrumentiert und arrangiert. Das lässt deiner stimmlichen Performance einen enormen Raum zur Entfaltung.
Ist es nicht interessant, wie sehr diese zurückgenommene Instrumentierung dazu beiträgt, dass man die Melodie im Kopf behält? Mir geht es zumindest so. Ich träume im Kopf immer die Leerstellen als weitere Instrumente.

Das sagt auch die deutsche Werbe-Ikone und der Künstler Michael Schirner über die Leerstelle: »Je mehr wir weglassen, desto mehr muss der Hörer das Fehlende in seinem Kopf ergänzen und wird selbst zum schöpfenden Künstler – er wird zum Autor.«
Das hat er aber schön gesagt. Und er trifft es auf den Punkt. Je sparsamer die Musik, desto mehr Musik entsteht im Kopf. So entsteht ja umgekehrt auch die Musik selbst. Sobald ich eine Melodie höre, höre ich darüber, daneben oder dahinter eine andere Melodie. Wenn ich also auf dem Klavier komponiere, höre ich immer auch eine andere Stimme, ein anderes Instrument, das mich komplementiert.

Was gab den Anstoß, so minimalistisch und entkernt zu produzieren?
Ich spiele ja eigentlich nicht Gitarre. Aber dann gab mir Buddy eine. So begann ich Gitarre zu spielen. Und zusammen mit ihm habe ich meine Songs, bevor wir sie im Studio aufnahmen, noch mal in ein paar Kneipen aufgeführt. Das war eine tolle Tour. Wir waren richtige Musiker sozusagen. Wir mussten nicht entertainen. Ich bin ja recht früh bekannt geworden und seitdem unzählige Male in Varietés und in Theatern aufgetreten. Das ist eine ganz andere Arbeit. Ich wollte aber einfach diese Songs singen dürfen. Diese Kneipentour hat übrigens total toll funktioniert. Da steckte keine große Produktion dahinter, das passierte on the spot. Und diese Erkenntnis, dass wir mit skelettartiger Musik ganz viel sagen können, hat uns den entscheidenden Mut gegeben, dies auch auf dem Album umzusetzen.

Waren die Kneipenkonzerte angekündigt? Oder habt ihr ein Zufallspublikum überrascht?
Na, die waren schon angekündigt. Aber ohne Eintritt, da ging nach dem Auftritt nur ein Hut durchs Publikum.
Wir haben ohne Druck gespielt. Und im Studio haben wir uns ständig dabei ertappt, wie radikal wir beim Mischen einzelne Instrumentalspuren stumm schalteten – um mit einer noch reduzierteren Aufnahme belohnt zu werden. Ich versichere dir, wir haben einigen Instrumenten nachgeweint. Und jetzt höre ich sie eben im Kopf dazu. Sie sind wie ein Echo.

Du wolltest also eine fragile Stimmung.
Die Brüchigkeit ist ganz wichtig.

Wenn du schauspielerst, führst du Ideen Anderer aus. Wenn du Musik machst, bist du Herrin des Verfahrens?
Wenn ich Songs schreibe und ein Album aufnehme, dann ist das alles aus mir. Und es ist für das Draußen bestimmt. Anders gesagt: Wenn es nur privat wäre, würde ich es nicht veröffentlichen. Aber es kommt aus mir, und das bin ich. Im Schauspiel hingegen muss ich mich immer in etwas hineinsteigern, das ich nicht bin, ich versuche von mir wegzukommen. Im besten Falle ist das sogar spielerisch, wie wenn Kinder sich verkleiden und spielen, sie seien jemand anderes. In meiner Musik gibt es diese Umwege aber nicht.

War es schwer, die professionelle Gewohnheit zu durchbrechen, eine andere Person zu spielen?
Nein. Und dann wiederum bricht es gelegentlich wieder in mir durch. Denn wenn ich in Varietés auftrete und dort mein Zirkusprogramm mache, dann rede ich mit den Leuten, um sie zu entertainen. Auf meinem neuen Album gibt es den »Donkey Song«. Der schreit geradezu danach, von mir anschließend in einer Ansprache ans Publikum verwurstet zu werden. Das ist dann auch Entertainment. Aber es ist eingebettet in eine ganz andere, viel persönlichere Sache. Ich versuche nicht, dem Pferd zu viel Zucker zu geben. Es ist übrigens interessant, dass das wie von selbst in Musikclubs funktioniert. Wenn ich da nicht mit dem Publikum spreche, ist das voll in Ordnung, niemand beschwert sich. In einem Cabaret wären die Leute irritiert. Vor der Echtheit, die ich beim Singen haben kann, habe ich mich früher immer gefürchtet. Ich hatte Angst, den Ton nicht zu treffen oder falsch zu singen. Das ist wie verschwunden heute. Meine Musik erlaubt es mir, schräg, schief, wie ich will zu singen.

Warum erwarten wir von Frauen eigentlich immer, dass sie schön singen? Warum muss das Schrägsingen von Frauen erkämpft werden, während es Männern zugestanden wird?
Ich bewege mich bewusst in diesem Feld zwischen Hässlich- und Schönsingen, zwischen falsch und richtig – wobei anzumerken ist, dass es falsch und richtig ja ohnehin nicht gibt. Mir ist irgendwann bewusst geworden, dass das Wichtigste die Geschichte ist, die man erzählt oder singt. Und wenn man das einmal kapiert hat, darf man auch auf alle Arten singen.

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Max Dax

ist Buchautor, Fotograf, Journalist und war bis August 2014 Chefredakteur der europaweit erscheinenden Zeitschrift electronic beats. Von 2007–2010 war er Chefredakteur des Popkulturmagazins spex, zuvor Herausgeber der ersten deutschsprachigen Interview-Zeitschrift alert. Bei Edel sind seine Fotobücher Palermo und Napoli erschienen (earBOOKS).

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