Protokoll: Joachim Otte

Die Sopranistin Christiane Karg hat laut Deutschlandradio »eine der steilsten und wohl zugleich bedachtesten Karrieren der letzten Jahre« gemacht. Ihr neues Liederalbum »Heimliche Aufforderung«, aufgenommen mit dem Pianisten Malcolm Martineau, ist zugleich Hommage und Glückwunsch an Richard Strauss zu dessen 150. Geburtstag.
Über die berufliche Karriere der Autorin Eva Menasse muss man sich ebenfalls nicht sorgen. Die Frage ist, wie es ihr im Privaten geht. »Denn eines Tages fand ich mich in einer fremden Schöneberger Wohnung mit der Nasenspitze dicht vor einer weißen Wand ›uuoouuh‹ machen.« Was war passiert? Menasse hat es 2012 in einem köstlichen Text im Magazin der Süddeutschen Zeitung erklärt: »Andere in meinem Alter gehen aquarellieren, töpfern oder zum Yoga‹, erklärte ich grimmig meinen Freunden, ›ich lerne jetzt halt ein bisschen singen.‹« Ex-Journalistin, Autorin, Hobby-Sängerin: ideale Voraussetzungen, um eine Profisängerin zu interviewen. Sah Menasse zum Glück genauso, als wir sie baten, genau dies zu tun.

Eva Menasse: Ich freue mich! Ich wollte schon immer einer Sängerin ein Loch in den Bauch fragen dürfen. Meine Freundin Susanne Schneider hat neulich in der Süddeutschen Zeitung ein langes Interview mit Anna Netrebko gemacht …

Christiane Karg: Ja, das hab ich gelesen, ein tolles Interview.

Menasse: Ich war aber leicht schockiert, in welchem Ausmaß so jemand Berühmtes fremdbestimmt ist. Wissen Sie auch schon, was Sie heute in drei Jahren machen?

Karg: Ja. Ich weiß, wann ich am 1. Januar 2017 proben werde, also weiß ich, wo ich den Silvesterabend 2016 verbringe. Das ist schon erschreckend. Man müsste auch mal Nein sagen können. Denn die finden immer jemanden. Wir sind doch alle austauschbar. Andererseits: Manche Sachen sollte man nicht absagen. Es ist ja eine große Ehre, wenn man an die großen Häuser darf. Außerdem gibt die langfristige Planung auch Sicherheit. Man muss eine goldene Mitte finden.

Menasse: Wie viele Abende im Jahr singen Sie?

Karg: Im Jahr ungefähr achtzig bis hundert? Es ist schon sehr viel.

Menasse: Und das alles frei, nachdem Sie beim Opernhaus Frankfurt gekündigt haben.

Karg: Ich bin jetzt die erste Saison frei, und es fühlt sich sehr gut an. Ich hatte zuletzt immer mehr freie Engagements. Irgendwann waren die Angebote besser und größer als das, was das Haus mir bieten konnte. Und ab einem gewissen Punkt ist das nicht mehr fair den Kollegen gegenüber, wenn ich immer weg bin und nicht mehr für die anderen einspringen kann. Aber ein Haus wie Frankfurt ist eine tolle Sache für eine Zeit. Ich war fünf Jahre in Frankfurt, davor zwei Jahre im Opernstudio in Hamburg. Ich war lange genug behütet. Ich hab gedacht, jetzt oder nie.

Menasse: Wie erarbeiten Sie neue Rollen? Erstmal alleine? Zusammen mit dem Dirigenten und dem Regisseur?

Karg: Man muss für sich selbst ein System finden. Wenn ich ein Angebot für eine Rolle bekomme, die ich noch nicht gesungen habe, schaue ich erstmal, ob sie zu meiner Stimme passt. Und was in zwei, drei Jahren ist. Wenn ich mich entscheide, verschaffe ich mir einen Überblick. Ich höre die Rolle durch, versuche auch, sie in einer Vorstellung zu hören. Ich habe jede Oper schon mal gesehen. Aber wenn das für dich selber in einem Jahr ansteht, hörst du aktiver zu. Danach setze ich mich zuhause hin und lese den Text, kümmere mich um die Geschichte. Und erst dann fange ich an, sprachlich zu arbeiten.

Menasse: Das machen Sie alles alleine?

Karg: Ja, es gibt ganz viel Arbeit allein, ohne Singen. Es ist viel mehr Text-Arbeit, gerade bei den Liederabenden. Du lernst Text, Text, Text. Die Musik, die Noten sind nur ein Teil davon. Aber über Interpretation mache ich mir überhaupt keine Gedanken. Unser Beruf ist es, diese Geschichten zu erzählen, nicht mehr und nicht weniger. Da muss man nicht überlegen, ob man hier extra ein piano macht. Das ist Effekthascherei. Natürlich schaue ich genau hin, wo der Komponist piano oder forte schreibt. Komischerweise ist es genau das, was ich in dem Moment empfinde. Wenn man gut hinhört, in der Musik drin ist und den Text erzählt, dann kommt es fast automatisch so, wie der Komponist es geschrieben hat.

»Wie lange üben Sie denn am Tag?« – »Manchmal gar nicht.«

Menasse: Eben sagten Sie, man singt gar nicht so viel: Wie lange üben Sie denn am Tag?

Karg: Manchmal gar nicht.

Menasse: Manchmal gar nicht? Das überrascht mich.

Karg: Als Liedsängerin gestalte ich meine Abende selber, ich suche mir ein neues Repertoire. Ich lerne Texte, lese Gedichtbände. Ich gehe da auch weniger musikalisch ran, sondern nach Stimmungen, für die ich Texte suche. Das ist alles Arbeit, die absolut ohne Singen geht. Wenn ich wieder mit Oper beginne, dann sind es aber schon sechs bis sieben Stunden am Stück, die man singt. Oper ist etwas ganz anderes. Zunächst ist es wie beim Lied, du kannst alles auswendig, den Text, die Noten, du hast sprachlich gearbeitet. Dann fängt die eigentliche Probearbeit an …

Menasse: … aber dann treffen Sie doch auf die Vorstellungen des Regisseurs oder des Dirigenten. Dann verändert sich doch bestimmt alles.

Karg: In einer Neuproduktion ist das oft so. Ich glaub, das wär’ für Sie auch mal ganz spannend, bei einer Neuproduktion dabei zu sein. Ich bin jedes Mal wieder überrascht, und ich freu mich jedes Mal wieder. Du weißt ja beispielsweise nicht, wie dein Kostüm aussieht. In Salzburg habe ich mal den »Weltgeist« gesungen, in einer frühen Mozart-Oper. Ich hab mir das vorher mit Prinzessinnengedanken im Kopf erarbeitet, üppig, kostbar, mit Kleid. Und dann hat mich der Regisseur in einen Teufel verwandelt. Ich trug eine Salzburger Tracht, sooo einen Bauch, sooo einen Hintern, knallrotes Gesicht und rote Teufelsdinger auf dem Kopf.

Menasse: Da mussten Sie es ganz anders singen.

Karg: Vollkommen anders. Es ist toll! Unglaublich, wie viel du von deiner Identität neu entdeckst oder hergibst, wenn sich die Körperlichkeit verändert. Allein die Haare. Es macht einfach was. Wenn ich einen Jungen spiele mit Kurzhaarfrisur: Es ändert alles. Die Schuhe verändern ganz viel. Es verändert sich der Gang und damit die Stimme.

Menasse: Muss man, um das zu werden, was Sie sind, einen Drang zur Selbstdarstellung haben?

Karg: Ich war schon sehr früh im Chor. Mein Vater ist großer Opernfan, ich bin mit klassischer Musik aufgewachsen und wusste mit fünf, dass ich Sängerin werden will. Das ist mein Lebenstraum. Aber Chorsängerin wär’s nicht gewesen. Ich kann vielleicht Nummer 2 und Nummer 3 sein, aber ich kann nicht Nummer 4, 5, 6 sein. Für die Gesangswettbewerbe brauchst du allerdings viel Mut, auch für den Gesangsunterricht. Ich meine, plötzlich gurgelst du oder stopfst dir einen Korken in den Mund und machst da »Schliii!«, »Schlooorr!«, »Schluuu-Schluuu!«, mit dem Gesicht auf dem Boden oder an der Wand – das sind schon Grenzerfahrungen.

Menasse: Umgekehrt gefragt: Kann es eigentlich einen schüchternen, introvertierten Sänger geben?

»Es darf keine leeren Momente geben, keinen leeren Blick auf der Bühne.«

Karg: Ich bin zwar ruhiger geworden als früher, nicht mehr so laut. Irgendwie findet man schon zu sich, weil man sich auch nicht immer wieder beweisen muss. Aber dennoch: Es muss auf der Bühne was geben! Du musst was erzählen wollen. Sonst ist es uninteressant. Ich glaube, man darf nicht grau sein. Es gibt manche Kollegen, wirklich wunderschöne Menschen – und dann singen die auf der Bühne und sind grau und haben gar keine Aura um sich, nichts. Einfach durchsichtig.

Menasse: Bühnenpräsenz ist eine Gabe.

Karg: Das ist eine Gabe, und das kann man, glaube ich, auch nicht lernen. Manchmal bin ich fast sauer. Wenn jemand wirklich durchsichtig ist, dann hat er leider auf der Bühne nichts verloren.

Menasse: Auch wenn er noch so schön singen kann?

Karg: Wenn jemand nicht weiß, was er singt, wenn er so einen flachen Schöngesang ohne Charakter bringt, kann ich das nicht verzeihen. Es darf keine leeren Momente geben, keinen leeren Blick auf der Bühne. Das ist mir ganz wichtig, und da bin ich streng. Natürlich kann man schlechte Tage oder schlechte Phasen haben. Aber bei manchen Dingen hört es auf. Dafür habe ich zu viel Respekt vor dem Beruf. Wenn sich jemand nicht auseinandergesetzt hat, so viele sprachliche Fehler macht, dass man weiß, er hat sich da einfach eine Nacht vorher hingesetzt – das geht nicht.

Menasse: Während stimmliche Unsicherheiten gelegentlich vorkommen.

Karg: Mein Gott, wenn es eine super Interpretation war, wenn ich wirklich dabei war, dann ist mir doch total egal, ob mal ein Ton danebengeht.

Menasse: Verschiedene Sprachen sind verschieden schwer zu singen, oder? Rein technisch? Zuerst habe ich in meinen Hobby-Gesangsstunden viel Italienisches gesungen. Das war ich gewohnt. Dann kam die erste französische Arie – und ich war verzweifelt. Diese Nasallaute!

Karg: Sehen Sie, Französisch ist für mich viel einfacher. Da klingt meine Stimme vielleicht am besten. Obwohl ich es gar nicht so gut spreche.

Menasse: Wie viele Sprachen sprechen Sie denn?

Karg: Italienisch und Englisch fließend, Französisch naja, Spanisch jetzt auch ein bisschen. Tschechisch wär ein großer Traum für mich. Hab mal angefangen. Das ist …

Menasse: … extrem schwer! Ich hab das mal gelernt. Alles wieder vergessen.

Karg: Aber ich kann’s jetzt lesen und ein bisschen Syntax.

 


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Menasse: Können Sie mir eigentlich endlich mal erklären, was eine »große« und eine »kleine« Stimme ist?

Karg: Das kann ich überhaupt nicht erklären! Ich verstehe das auch nicht. Na gut, es gibt natürliche Stimmen. Es gibt Stimmen, die gut tragen und die nicht so gut tragen. Hohe Stimmen tragen oft besser. Ich denke, es hängt mit dem Sitz zusammen. Aber »große« und »kleine« Stimme? Soll »groß« heißen, dass man einen Abend durchschreien kann? Das will ich ja gar nicht. Wir schreien uns jetzt ja auch nicht an. Ich habe kein Schreivolumen, auch wenn ich schon lange singe und alles queerbeet mache. Dafür klingt meine Stimme noch relativ frisch.

Menasse: Aber die Singstimme verändert sich mit dem Älterwerden doch?

Karg: Sie verändert sich, aber das hängt auch von der Rollenwahl ab. Edita Gruberová ist fast siebzig, und sie klingt immer noch wie zwanzig. Sie hat kluge Partien gewählt. Sie hat sich nie »verschrieen« und ist immer in ihrem Fach geblieben. Manche besetzen dich auch falsch, wegen deines Typs. Nur weil du korpulent bist, bist du nicht gleich Wagner-Sängerin.

Menasse: Sie haben eine sogenannte »Silberstimme«. Was ist das? Und was ist eine »Goldstimme«?

Karg: Das Goldene, das hat etwas mit Rundheit zu tun. Anna Netrebko zum Beispiel hat für mich fast nichts Silbernes. Es ist einfach Gold. Gold ist dunkler. Ruhend. Eine Puccini-Farbe.

Menasse: Also hätte zum Beispiel Christine Schäfer eine Silberstimme, oder? Als ich sie kürzlich live gehört habe, hatte ich bei den höchsten Tönen das Gefühl, ganz oben unter der Decke sitzen Vögel, und die zwitschern das runter. Und die Goldstimmen …

Karg: … nehmen alles mit nach oben. Während das Silberne das Schweben ist, das Feine, dieses Geflirre.

»Stahl in der Kehle braucht man für das Fach.«

Menasse: Sie haben gerade eine CD mit Strauss-Liedern aufgenommen. Braucht man für Strauss eine Silberstimme?

Karg: Ja, ich glaube, dass Strauss dieses Schweben haben muss, auch ein Strahlen. Im Meisterkurs von Elisabeth Connell habe ich viel über das Straussfach gelernt, Salomé, Elektra. Stahl in der Kehle braucht man für das Fach. Connell hat das gehabt. Und dann setzt die – das war eine richtig große Frau! – so einen Ton, so einen ganz zarten Ton … unglaublich. So fast schwebend, fast körperlos. Aber du brauchst trotzdem diesen ganzen Unterbau dafür.

Menasse: Zarter Stahl … stimmt das Klischee, dass sich Sängerinnen hart bekriegen, dass es Zicken und Diven sind?

Karg: Es gibt manche Kolleginnen, die so sind, aber ganz wenige. Es ist eher wie eine große Familie. Es gibt viel Wärme und Sängerfreundschaften, die bleiben.

Menasse: Und die paar, die nicht so sind, kennt man vermutlich schon.

Karg: Die kennt man und denen geht man aus dem Weg. Mir tun die einfach nur leid. Ein schlechtes Zeichen ist, wenn schon die Make-up-Frauen schlecht über jemanden reden, und die Kostümfrauen. Wenn die gegen dich sind, dann hast du verloren. Wir sind keine Einzelkämpfer. Wir können nur so gut sein wie alles um uns.

Menasse: Wenn man den Gedanken von der großen, internationalen Sängerfamilie aber umdreht, dann ist es natürlich auch eine sehr hermetische Welt, dieser Musikbetrieb. Sie fliegen zwar um die ganze Welt, aber treffen immer wieder auf dieselben Dirigenten, dieselben Sänger und Musiker.

Karg: Anfangs habe ich mich zum Teil wirklich einsam gefühlt und hatte schwarze Abende. Ein Loch nach der Vorstellung. Ganz viel Applaus, ganz viel Adrenalin, und dann stehst du da mit deinen Blumen und keiner ist da.

Menasse: Das ist vermutlich inzwischen anders?

Karg: Ja, weil ich inzwischen in fast jeder Stadt jemanden kenne. Außerdem bin ich inzwischen auch ganz froh, mal einen Abend alleine zu haben.

Menasse: Sängerinnen haben auch selten Kinder, oder?

Karg: Nein, gar nicht, es gibt viele, die Kinder haben. Es gibt da verschiedene Modelle … Aber das steht derzeit nicht auf meiner Liste.

Menasse: Haben Sie denn das Gefühl, dass Sie auch von der wirklichen Welt außerhalb der Musikszene etwas mitkriegen?

Karg: Ja, schon. Also, erstmal habe ich wirklich noch »normale« Freunde. Ich fahre auch gerne U-Bahn. Taxi fahre ich nur, wenn ich viel Gepäck habe. Ich versuche immer, den Puls der jeweiligen Stadt mitzubekommen.

Menasse: Sonst könnte man irgendwo sein …

Karg: Du könntest irgendwo sein.

Menasse: Die Hotelzimmer sehen alle gleich aus …

Karg: Hotels, ganz wichtig. Und dann suche ich mir eine Laufstrecke. Ich erkunde die Stadt dann meistens beim Jogging. Setze mich in ein Café. Museen weniger, weil, wenn du sechs Stunden am Tag probst …

Menasse: Im letzten Jahr gab’s große Aufregung in Ihrer Branche. Die »Art but fair«-Initiative protestiert gegen schlechte Arbeitsbedingungen in der Bühnenbranche. Der Vorwurf ist, dass vor allem Sängerinnen und Sänger in den hinteren Reihen teils unzumutbar behandelt würden.

Karg: Es gibt ohne Frage unglaublich schlechte Bedingungen. Da könnte ich wirklich einen ganzen Aufsatz schreiben.

Menasse: Hat dieser Aufschrei etwas bewegt?

Karg: Überhaupt nicht. Es gibt immer noch viel zu viel Geld. In Italien zum Beispiel werden fünfstellige Gagen an der Scala bezahlt, und dafür müssen alle anderen Musiktheater in Italien zumachen. Das geht nicht.

Menasse: Was tun?

Karg: Wir müssen drauf reagieren. Aber es müssen alle machen. Der Apparat an sich, die Struktur muss sich ändern. In der Krisenzeit wurde ich oft gefragt, ob ich 15 Prozent weniger Gage nehmen würde. Würden Sie auf 15 Prozent verzichten?

Menasse: Ja, wenn es alle täten, schon.

Karg: Eben. Zwei Jahre später höre ich: »Der hat sich gewundert, dass du einverstanden warst, da warst du ja echt viel zu billig.« Da habe ich mich schon ausgenutzt gefühlt. Es braucht ein Gesamtbewusstsein. Was es auch geben muss, ist ein Überspielhonorar. In kleinen Theatern sind die Zustände manchmal jenseits von Gut und Böse. Da gibt es Mindestverträge …

Menasse: … 1.650 Euro brutto, habe ich gelesen.

Karg: Aber es gibt kein Limit an Vorstellungen! Die haben Musical, Operette, Oper, Konzerte, alles, was anfällt.

Menasse: Und das müssen die alles singen für dasselbe Geld?

Karg: Für dasselbe Geld. Und die können 200 Vorstellungen haben. Oder 20. Es ist nicht festgelegt. In meinen Verträgen war das immer festgelegt. Also, ich hab wirklich viel Glück gehabt.

Menasse: Wo Sie vom Glück sprechen: Einmal an der Met singen?

Karg: Puh …

Menasse: Egal?

Karg: Eigentlich egal.

Menasse: Eher die Rolle wichtig oder eher Häuser?

Karg: Eher die Rolle.

Menasse: Bestimmte Dirigenten, mit denen man immer schon mal wollte: Nicht wichtiger als Rollen?

Karg: Leider ist Claudio Abbado von uns gegangen. Er war eine Lichtfigur. Mit ihm hätte ich schon gerne gearbeitet. Aber ich darf dieses Jahr Blomstedt treffen, der über 80 ist, ich darf dieses Jahr Haitink treffen. Das sind besondere Momente. Wenn ich mir die Freude an der Musik so lange bewahren kann wie diese beiden, wenn der Apparat mich nicht kaputt macht – das wäre das größte Geschenk.

Menasse: Aber Sie klingen nicht so, als hätten Sie Angst vorm Apparat.

Karg: Nein, jetzt nicht. Noch nicht. Ich bin immer noch sehr euphorisch, muss ich sagen. Ich sehe das alles irgendwie noch mit Kinderaugen. Immer wenn ich die Maschinerie wieder sehe, die Bühnentechnik auch, wie die – eins, zwei, drei und los! – diese Gerätschaften losschieben, denke ich: Das ist Zauberhand.

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Christiane Karg
Heimliche Aufforderung

»Kargs mattsilbriger, betörend sauber geführter lyrischer Sopran« (DIE ZEIT) widmet sich bekannten und unbekannten Liedern von Richard Strauss: Ihr Album »Heimliche Aufforderung«, auf dem sie der Pianist Malcolm Martineau kongenial begleitet, ist eins der größten Geschenke zum 150. Geburtstag des Komponisten.

Eva Menasse & Christiane Karg

Christiane Karg (rechts), geboren 1980, erhielt ihre Gesangsausbildung am Salzburger Mozarteum. 2006 debütierte sie bei den Salzburger Festpielen. Sie war Ensemblemitglied der Frankfurter Oper, doch als die Anfragen nach internationalen, renommierten Gastspielen stets zunahmen, hat sie sich 2013 entschieden, frei zu arbeiten. Heimliche Aufforderung ist nach Amoretti (2012) und Verwandlung (2010) ihre dritte CD. Eva Menasse wurde 1970 in Wien geboren. Nach dem Studium der Germanistik und Geschichte arbeitete sie zunächst als Redakteurin u. a. für das Wiener Nachrichtenmagazin Profil, später für das Feuilleton der f. a.z. Sie lebt seit 2003 als Publizistin und freie Schriftstellerin in Berlin. Nach ihrem Debütroman Vienna und dem Erzählungsband lässliche Todsünden erschien zuletzt der Roman Quasikristalle.

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