Ich hatte keine Lust mehr zu leben und wollte mich umbringen. Viele Menschen haben sicher schwerwiegendere Gründe, ihr Leben zu beenden, und zahlreiche andere haben sich schon aus nichtigeren Anlässen umgebracht. Egal, ich jedenfalls wollte mir eine Kugel durch den Kopf jagen.

Andere Arten von Selbstmord kamen für mich nicht in Frage. Mein ursprünglicher Plan, eine Überdosis Schlaftabletten zu nehmen, war nicht sicher genug; ich würde vielleicht hirngeschädigt überleben. Von einem Hochhaus zu springen war unvorstellbar, da ich an Höhenangst litt und niemals fähig wäre, mich bis zum Rand eines Daches vorzuwagen. Vor einen Zug zu springen war zu riskant, denn ich würde womöglich nur ein Bein oder einen Arm verlieren, am Leben bleiben und dann körperlich unfähig sein, mein als Behinderter dann noch unerträglicheres Leben zu beenden. Ich lehnte auch eine Überdosis Heroin ab, denn ich hatte keinerlei Erfahrung mit Drogen und konnte nicht sicher sein, dass ich den richtigen Stoff kaufen würde. Erhängen? Nun, ich hab’ Fotos mit den grässlich verzerrten Gesichtern gesehen.

Aber eine Pistole in die Hände zu bekommen war schwierig. Trotz großer Bemühungen war es mir nicht gelungen, eine Waffe auf dem Schwarzmarkt zu beschaffen, und es blieb mir nur eine Möglichkeit: Ich musste Mitglied eines Schützenvereins werden. Dann konnte ich mit einer legal erworbenen Pistole ganz in Ruhe den Abgang aus meinem hoffnungslosen Leben vollenden.

Ich trat also so einem Schießverein bei. Die erste Enttäuschung erlebte ich, als mir gesagt wurde, dass es laut Gesetz nur möglich sei, sich eine Waffe zu kaufen, wenn man ein Jahr lang aktives Vereinsmitglied gewesen sei, was bedeutete, sich mindestens einmal die Woche an den Schießübungen zu beteiligen. Zuerst musste man mit Luftpistolen üben und dann einen praktischen sowie theoretischen Test bestehen, bevor man an den Schießübungen mit scharfen Waffen teilnehmen durfte. Und dann waren alle möglichen Schießerfolge erforderlich, um sich für einen mündlichen und schriftlichen Test qualifizieren zu können. Bei bestandener Prüfung erhielt man einen Waffenschein, und erst damit war der Weg für einen legalen Waffenkauf frei.

Ich war nicht auf die Mitglieder vorbereitet. Etwa drei Dutzend meist männliche Mitglieder verschiedenen Alters gluckten in gemütlicher Runde an mehreren Tischen beisammen. Man trank Bier und aß Bockwürste, die die Frau des Vereinsverwalters an einer Theke servierte. Sehr beliebt unter den Schützenheinis schienen Pullover mit zweifarbigen Strickmustern, Polyesterhemden und billige Jeans zu sein. Einige hatten ihre Ehefrauen mitgebracht, die fast alle eine Vorliebe für Dauerwellen hatten. Noch nie hatte ich mich in einer Gruppe so sehr als Außenseiter gefühlt. Ich schwieg, und was ich zu hören bekam, machte eines klar: Unter gar keinen Umständen würde ich je an einem Schützenfest teilnehmen.

Ein Korridor führte in einen zweiten Raum, der als Schießgalerie eingerichtet war. Ein halbes Dutzend Schützen hatte sich in strammen Positionen aufgereiht und konzentrierte sich auf 20 Meter entfernte Zielscheiben aus Papier. Ich musste im Clubraum warten, bis ein Platz am Schießstand frei wurde. Die Art und Weise, wie sich die Waffenliebhaber mit blöden spaßigen Bemerkungen und unkomischen primitiven Witzen untereinander erheiterten, fand ich unerträglich, und während die anderen immer wieder ein übertriebenes Lachen von sich gaben, konnte ich noch nicht einmal ein Lächeln hervorbringen. Ab und zu merkte ich, wie mich ein misstrauischer Blick traf. Ich fühlte mich verpflichtet, meiner Präsenz unter ihnen irgendeine falsche Rechtfertigung zu geben und ihrem hirnlosen Hobby, auf schwarze Punkte zu schießen, einen mitgefühlten Sinn. Ich wartete also auf eine Pause in ihrer Plapperei und täuschte dann Begeisterung für ihren »Sport« vor und meinte, in dem Durchschießen des schwarzen Kreises einen symbolischen Akt zu sehen. Auf ein erstauntes »Wofür?« faselte ich vom Durchbrechen, vom Erhellen der dunklen Seiten des Lebens.

Ich hatte die größte Mühe, die Pistole gerade zu halten und die Zielscheibe überhaupt ins Visier zu bekommen. Ich hatte nicht das geringste Talent zum Schützen. Meine zitternde Hand schickte die Kugeln in alle möglichen Richtungen. Oft traf ich die Zielscheibe überhaupt nicht.

Obgleich ich Woche für Woche regelmäßig an den Schießübungen teilnahm, blieb meine Punktwertung im unteren 200er-Bereich. Um sich für die Teilnahme an den Schießübungen mit scharfer Munition zu beteiligen, die auf einem Schießstand außerhalb Hamburgs stattfanden, musste man mehrere Monate mit der Luftpistole eine Punktleistung von jeweils über 300 erreicht haben. Ich fühlte mich furchtbar elend; ich war noch nicht einmal im Stande, die erste Stufe auf der Himmelsleiter zur Er-lösung zu erklimmen. Vielleicht sollte ich doch lieber von einem Hochhaus springen.

Eines der jüngeren Clubmitglieder war ein Soldat der Bundeswehr. Manchmal kam er in seiner Uniform gleich aus der Kaserne in die Schießgalerie stolziert. Als Fotograf war ich beeindruckt von seinem Aussehen und coolen Machogehabe. Er wäre ein perfektes Modell gewesen. Daher fiel es mir leichter, mit ihm zu sprechen als mit den anderen, obgleich ich auch mit ihm keine gemeinsamen Interessen hatte. Seine Haare waren fast glatzköpfig kurz geschoren, und ich hörte ihn einmal eine rassistische Bemerkung über Türken machen. Er war ein erfahrener Schütze, ging regel-mäßig zum Scharfschießen. Er besaß schon eine eigene Waffensammlung, hatte sogar eine eigens für ihn angefertigte Luftpistole; der Griff war maßgefertigt für seine Hand. Ich täuschte Interesse vor, als er mir die Pistole zeigte. Seine Kugeln verfehlten selten das schwarze Zentrum, und ich fragte ihn nach einem Tipp, wie ich meine Treffsicherheit verbessern könne. Er schlug vor, mit einer großen Flasche Bier zu üben, -indem ich sie mit nach vorn ausgestrecktem Arm so lange wie möglich hochhalten sollte, um die Muskeln zu stärken, die auch beim Hochheben einer Pistole aktiviert werden. Ich machte es mir also zur Gewohnheit, vor meinem Fernseher den Nachrichtensprechern zuzuprosten, nur benutzte ich Flaschen mit Mineralwasser. Es schien zu helfen, denn ich kam immer näher an die 300 Punkte heran.

Eines Abends dann überschritt ich diese magische Grenze. Ich kam mir wie ein Westernheld vor und setzte mich zu den anderen in den Clubraum. Und trank sogar ein Bier. Aber mein Hochgefühl verpuffte schnell inmitten all der forcierten Kumpanei. Man blickte mich immer noch misstrauisch an.

Danach konnte ich mich nicht noch einmal überwinden, in den Clubraum zu gehen, obgleich ich immer häufiger die 300 Punkte erreichte, wenn auch nur knapp. Eines Abends, als ich mich nach meiner Schießübung mal wieder schnell aus dem Verein schleichen wollte, stoppte mich der Clubverwalter im Korridor und machte mir klar, dass er mir niemals die Genehmigung zur Teilnahme am Scharfschießen geben würde, solange ich diesen Mangel an Mannschaftsgeist demonstrieren würde. Um jemanden mit einer Scharfschusspistole hantieren zu lassen, müsse er diese Person erst einmal richtig kennenlernen.

Hätte ich wahre Größe gehabt, dann hätte ich die unbeholfenen Bemühungen der Vereinsmitglieder, das Zugehörigkeitsgefühl untereinander mit Humor zu festigen, unterstützt. Ich hätte mich in ihren Reigen der Lebensfreude mit meinem eigenen, wenn auch gezwungenen Lachen eingliedern sollen. Aber so nervten sie mich nur. Ich merkte nicht, dass diese einfachen Leute in ihrem Kampf, dem Leben durch Kommunikation mit anderen einen Sinn zu geben, weitaus weniger lächerlich waren als ich mit meiner egozentrischen Verzweiflung am Leben.

Nachdem ich mehrmals im Clubraum erschienen war und meine Punktzahl konstant über 300 verblieb, konnte der Verwalter meinen Wunsch, am Scharfschießen teilzunehmen, nicht länger ablehnen. Der Moment, eine richtige Pistole in meiner Hand zu halten, war endlich gekommen. Auf dem in einem Waldgebiet gelegenen Schützenplatz ging alles gleich zur Sache. Kein geselliges Zusammenglucken vor und nach den Schießübungen. Wohl auch deshalb waren viel weniger Clubmitglieder anwesend. Aber der junge Soldat war dabei. Er und einige andere Schützen hatten ihre eigenen Waffen mitgebracht, riesige Schießmaschinen wie Magnums. Diese Art von Pistolen würden sich perfekt für mein Vorhaben eignen. Ein Schuss aus diesen Monstren würde den sicheren Tod bedeuten. An den Mietwaffen des Clubs war ich nicht im geringsten interessiert. Es waren Kleinkaliberrevolver, viel zu riskant für einen erfolgreichen Selbstmord. Mein Vermieter in Los Angeles hatte es zweimal mit so einem kleinen Ding versucht und überlebt.

Es gab zwei verschiedene Schützenstände in dem Wald, jeder mit vier individuellen Schießständen. Trotz der Ohrenschützer, die jeder tragen musste, war der Lärm der Magnums überwältigend laut. Für mich war es unmöglich, mich auf die Zielscheibe, eine 50 Meter entfernte Papptafel, zu konzentrieren. Jedes Mal, wenn eine der großen Waffen abgefeuert wurde, zuckte ich zusammen. Und die Mietwaffen waren auch nicht gerade leise. Inmitten der ständigen Explosionen befand ich mich in einem permanenten Zuckzustand, wodurch mein Revolver am Ende meines ausgestreckten Arms wild hin und her schwenkte.

In den folgenden Monaten wurde ich zwar besser, blieb aber bei Weitem der schlechteste Schütze auf dem Schießplatz. Dann kam der Winter, und es wurde zu kalt für die Schießübungen im Freien. Der Schießstand wurde für einige Monate geschlossen.

Mit Ungeduld erwartete ich die Wiedereröffnung des Schützenplatzes, denn ich hatte mir einen Alternativplan für meinen Selbstmord ausgedacht. Ich wollte auf eine günstige Gelegenheit warten, wenn nicht so viele Schützen anwesend sein würden, und dann bewundernde Bemerkungen über die Magnum des Soldaten machen. Dann würde ich ihn fragen, ob ich seine wundervolle Waffe mal halten könne und, nach meinen Begeisterungsproklamationen, ob ich sie ein einziges Mal für eine Schießübung benutzen dürfe. Ich war mir seiner Einwilligung ziemlich sicher und würde, wenn ich an dem individuellen Stand wäre, in dem nur eine Person erlaubt war, ein- oder zweimal in Richtung Zielscheibe schießen. Aber dann, genügend mit dem Abschussmechanismus vertraut, würde ich die Waffe in meinen Mund stecken …

Ah, wie ich auf den Frühling wartete! Er würde nicht das jährliche Aufblühen des Lebens bedeuten, eine neue Saison der Schwermut bliebe mir erspart. Die Wiedergeburt in der Natur würde die Zeit meines Todes sein.

Die Sache hatte jedoch einen Haken. Mir waren Skrupel gekommen, den Soldaten, wenn auch indirekt, in meinen Plan zu verwickeln. In meinem Todeswahn hatte ich nicht daran gedacht, dass er vielleicht Schuldgefühle empfinden und sich für meinen Tod verantwortlich fühlen könnte. Sollte er so bestraft werden, nur weil er keine Türken mochte?

Eine Entscheidung in meinem moralischen Dilemma blieb mir glücklicherweise erspart. Der Frühling brachte mir einen neuen und vollkommen unerwarteten Aufschwung aus den Tiefen meines existenziellen Abgrunds. Ich erhielt einen Anruf aus Paris. Es war Vincent Lindon, ein alter Freund von mir, zu dem ich vor vielen Jahren den Kontakt verloren hatte. In der Zwischenzeit war er ein berühmter Filmschau-spieler geworden. Vincent hatte zufällig erfahren, dass ich aus Amerika nach Hamburg zurückgekehrt war, wollte mich wiedersehen und besuchte mich für ein paar -Tage. Als ich ihm von meiner Arbeitslosigkeit erzählte – meine Suizidabsichten erwähnte ich allerdings nicht –, besorgte er mir sofort einen Job als Setfotograf in Frankreich, was in den nächsten Jahren zu weiteren Fotoaufträgen bei französischen Dreharbeiten führte. Der Titel des ersten Films, für dessen Plakat auch eines meiner Fotos benutzt wurde, war bezeichnend für meine veränderte Lebenslage: Ça Commence Aujourd’hui, es beginnt heute. Ich zog wieder ganz nach Paris. Vincent hatte mir einen neuen Anfang ermöglicht.

Ich bin nie wieder zum Schießstand zurückgekehrt.

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Jürgen Vollmer

Jürgen Vollmer wohnt heute wieder in seiner Geburtsstadt Hamburg, nachdem er von 1961 bis 2006 als Fotograf fast ausschließlich im Ausland tätig war und vor allem in Paris und New York gelebt hat. Als Setfotograf hat er mit den Großen der Filmbranche gearbeitet und weltberühmte Porträts und Kinoplakate geschaffen. Von seinen Erlebnissen mit den Stars vermag er auf äußerst unterhaltsame, nicht selten tragikomische Weise zu erzählen.

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