Unsere Autorin hat sich im Sommer 2014 auf Wanderschaft begeben. Sie ging auf Wortwalz und besuchte Lokalredaktionen im ganzen Land. Dabei hielt sie sich an die Regeln der traditionellen Walz, verzichtete auf Handy und Laptop. Sie trampte, schlief mal im Wald, mal unter der Brücke, mal bei Kollegen auf der Couch. Auf ihrer Reise begegnete sie immer wieder Wandergesellen, die ihr einen Einblick in ihre Welt gewährten.

Loderndes Lagerfeuer, knackende Äste. Wir sitzen im Kreis, ich starre in die Flammen. Es ist ein warmer Sommerabend in der Nähe von Lübeck und ein langer Arbeitstag auf der Baustelle liegt hinter uns allen. Um mich herum sitzen nur Menschen in Kluft. Sie sprechen ihre eigene Sprache, das Rottwelsch, sie haben ihre eigenen Erkennungszeichen. Ich hingegen sitze hier in meinem blaukarierten Hemd und staune. Ich bin zu Gast auf der Sommerbaustelle der freireisenden Wandergesellen. Einem Treffen, bei dem sich rund 50 Wandergesellen für ein soziales Projekt engagieren, um sich für die Hilfe aus der Bevölkerung bedanken. Dieses Jahr ist es ein Bauspielplatz für schwer erziehbare Kinder, auf dem sie ehrenamtlich arbeiten.

Sie hüten und pflegen ihre Tradition. Und sie verteidigen sie.

Dass ich überhaupt hier sitzen darf, macht mich wundern. Denn ich bin keine Handwerkerin. Ich bin reisende Reporterin. Und ich bin „Kuhkopp“, wie Wandergesellen all jene nennen, die keine zünftig Reisenden sind. Als Journalistin habe ich mich auf den Weg gemacht, die Welt der Walz kennen zu lernen. Ich reise durch Lokalredaktionen und biete meine Arbeit an, ich will etwas über mein Handwerk lernen. Dass ich diese Reise „Wortwalz“ nenne und darüber blogge, finden nicht alle Wandergesellen gut. Sie hüten und pflegen ihre Tradition. Und sie verteidigen sie. Schließlich hat nur deshalb der alte Brauch all die Jahrhunderte seit dem Spätmittelalter überlebt, weil ein kleiner Zirkel seine Geheimnisse zu schützen wusste.

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Und doch erlebe ich hier etwas ganz Besonderes: geselliges Beisammensein, Kameradschaft und Freundschaft unter Menschen, die alle heimatlos sind. Für drei Jahre und einen Tag nicht nach Hause zu dürfen ist eine so lange Zeit, wie sie sich die meisten Menschen wohl kaum vorstellen können. Auch ich wollte auf meiner Wortwalz ursprünglich bloß drei Monate und einen Tag unterwegs sei. Doch die Reise ging weiter. Zum Schluss aber lerne ich das „Tippeln“, wie Wandergesellen das Reisen nennen, so schätzen, dass ich das Bleiben tatsächlich ein wenig verlernte.

Ich fühlte mich, wie aus der Zeit gefallen

Auf meinen Stationen durch den Lokaljournalismus habe ich in vielen Redaktionen gearbeitet. Tatsächlich klappte das Wortwalz-Prinzip wunderbar: Ich klopfte unangekündigt an die Tür und sprach um Arbeit vor. Irgendwo fand ich Unterschlupf, arbeitete eine Woche oder zwei in der Redaktion mit und zog dann weiter. Beruflich lernte ich in dieser Zeit viel dazu über Recherchemöglichkeiten, Redaktionssysteme und über den Lokaljournalismus an sich. Doch vor allem menschlich beeindruckte mich diese Reise. Wie offen und hilfsbereit sich meine Landsleute zeigten. Und wie wenig man im Leben braucht.

Wortwalz_Jessica Schober_Edel Books_Deutschlandkarte mit Stationen

Zum Ende meiner Wortwalz zog ich schließlich mehrere Wochen mit einer Schreinerin durch die Gegend. Täglich geschahen absurd schöne Dinge. Eine Frau kam auf uns zu gerannt und rief: „Brauchen Sie Brot?“. Man lud uns zum Essen und zur Übernachtung ein, nahm uns beim Trampen an der Autobahn mit und schenkte uns ein prächtiges Stückchen Walnussholz. Wenn wir dann singend die Landstraße entlang gingen, war ich froh mich auf diese Reise begeben zu haben. Ich fühlte mich, wie aus der Zeit gefallen. Seitdem denke ich an jedem Lagerfeuer, an dem ich sitze, nun an meine Tage mit den Reisenden. Und erinnere ich mich gern, an den Satz den mir eine Wandergesellin auf der Bäckerwalz mitgab und der wohl gerne auch fürs weitere Leben gelten darf: Walz ist, was du draus machst.

Hier hat Jessica Schober über ihre Reise gebloggt.

Kleines Walzlexikon

  • Ehrbarkeit: Krawatte, die durch ihre Farbe die Zugehörigkeit zum Schacht anzeigt
  • Schacht: Sechs Schächte, zum Beispiel die Freien Vogtländer Deutschlands oder die Rolandsbrüder sind auf der Straße zu treffen. Außerdem gibt es die Freireisenden Wandergesellen, die sich keinem Schacht zuschreiben und keine Ehrbarkeit einbinden
  • Kluft: Traditionelle Kleidung bestehend aus Schlaghose, Weste, Jackett. Dazu tragen Wandergesellen ein Staudenhemd, einen Hut und den Stenz
  • Stenz: Wanderstock aus Holz, der von einer Schlingpflanze, typischerweise dem Geißblatt, umrankt ist und dadurch seine spiralförmige Form erhä Unter Wandergesellen heißt es: „Einen Stenz findest du nicht, der Stenz findet dich.“
  • Bannkreis: 50-Kilometer-Radius um den Heimatort, den Wandergesellen für drei Jahre und einen Tag nicht betreten dürfen

Prego Empfiehlt

Wortwalz
Jessica Schober

Eine junge Journalistin bricht von ihrem Schreibtisch auf und tut es den Wandergesellen gleich, die seit dem Mittelalter auf die Walz gehen.
Ohne Geld fürs Reisen oder Übernachten auszugeben, ohne Handy, ohne Laptop trampt und wandert sie durch die Republik, um als Reporterin zu arbeiten. Was als Reise in den Lokaljournalismus beginnt, wird immer mehr zu einem Trip, der über das journalistische Arbeiten weit hinausgeht.

Jessica Schober

Jessica Schober schreibt als freie Journalistin für Magazine und Zeitschriften wie Süddeutsche Zeitung, Zeit Online und Focus.

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