Ein Gespräch mit Mieke, Betty und Alma darüber, was der Körper so alles kann und wohin man geht, wenn etwas mal nicht richtig funktioniert.

Anlässlich des 25. Jubiläums der UN-Kinderrechtskonvention hat prego-Redakteurin Miriam Holzapfel eine Hamburger Kita besucht, um einen Eindruck zu bekommen, was mit »Maßnahmen zur Verwirklichung« vielleicht auch gemeint sein kann. Zum Beispiel kann es bedeuten, Kindern eine Infrastruktur bereit zustellen, in der diese frei zugängliche Spiel- und Entdeckungsräume vorfinden, um die eigenen Kräfte und Möglichkeiten entdecken und ausprobieren zu können. Wo sie entspannt miteinander und von anderen Kindern lernen können. Wo es neben verlässlichen Strukturen und Angeboten viel freie Zeit für diejenigen Spiele und Erfahrungen gibt, die für die Kinder gerade sinnvoll sind. Und nicht zuletzt: Wo sie nicht immer nur für »später« lernen müssen, sondern auch ihr augenblickliches Dasein genießen dürfen.Am 20. November ist der jährliche Internationale Tag der Kinderrechte. An diesem Tag trat vor 25 Jahren die UN-Kinderrechtskonvention in Kraft und wurde bis heute von nahezu allen UN-Staaten ratifiziert – außer den USA. Die unterzeichnenden Staaten sind die Verpflichtung eingegangen, »alle geeigneten Gesetzgebungs-, Verwaltungs- und sonstigen Maßnahmen zur Verwirklichung der in diesem Übereinkommen anerkannten Rechte« zu treffen (Artikel 4, UN-Konvention über die Rechte des Kindes).

In der Kita Die Schatztruhe e.V. im kinderreichen Stadtteil Ottensen in Hamburg werden täglich 65 Kinder in drei Gruppen betreut. Mieke (4), Betty und Alma (beide 5) spielen an diesem Vormittag im Bewegungsraum, der neben der Werkstatt und dem Atelier gelegen ist. Alle Kinder der Einrichtung dürfen diesen Raum nach Absprache nutzen und umbauen, wie sie möchten. Er ist mit Matten ausgelegt, an der Deckenkonstruktion hängen dicke Taue und ein großes Netz. Mit den Mädchen sind drei weitere Kinder im Raum, sie schieben Kisten und Matten hin und her und bauen daraus Höhlen oder Türme, in die sie sich mit Wucht hinein schmeißen. Sie springen von der Sprossenwand, kugeln über den Boden und schaukeln im Netz.

Wir sind hier im Bewegungsraum in Eurer Kita. Was macht Ihr hier drin am liebsten?
Alle: Toben!
Betty: Am liebsten mit dem Netz.
Alma: Manchmal hängt das Netz sogar richtig hoch, das kann man ändern wie man möchte.
Betty (hängt am Kletterseil und schwingt hin und her): Und wenn das Netz voll ist kann ich auch am Seil klettern.
Mieke: Für die Kleinen gibt es eine Rutsche, die ist ganz weich weil die können das ja noch nicht so gut. Ich liebe aber das Kletterseil. Ich kann damit klettern und schaukeln kann ich auch.

Während nun Mieke am Seil klettert, wartet Betty in sicherer Entfernung ab, hinter ihr stellt sich Alma auf. Die drei Mädchen klettern und turnen, beobachten sich dabei und reden simultan.

»Immer nur sitzen ist langweilig«

Wenn Ihr gerade nicht in der Kita in diesem speziellen Bewegungsraum seid, wo bewegt Ihr Euch dann?
Betty: Ich geh zum Tanzen.
Mieke: Ich geh manchmal zum Turnen. Da gibt’s ne Reckstange, die wird hingestellt und dann kann man da dran turnen.

Ist das schwierig?
Mieke: Nö. Ich kann das.
Alma: Ich tanze auch. Ich geh mit Betty zusammen hin. Tanzen ist auch nicht schwierig. Tanzen ist schön.

Sind da nur Mädchen beim Tanzen?
Alma: Nein. Ein Junge ist da auch.

Kann der das genauso gut wie Du?
Alma: Nein. Natürlich nicht.

Warum natürlich nicht?
Alma: Weil er das noch nicht so lange macht wie ich, der ist noch neu. Wenn er das länger macht, dann kann er das auch.

Glaubt Ihr, dass es wichtig ist, sich zu bewegen?
Betty: Ja. Es ist sehr langweilig, wenn man immer nur sitzen muss, sitzen, sitzen, sitzen.

Viele Erwachsene haben sich schon Gedanken dazu gemacht, was Kinder alles tun sollten, damit es ihnen gut geht, damit sie sich eben nicht langweilen sondern glücklich und gesund sein können. Es gibt sogar ein Gesetz für Kinder, aus dem ich Euch ein kleines Stück vorlese:

»Artikel 29: Bildungsziele; Bildungseinrichtungen

Die Vertragsstaaten stimmen darin überein, dass die Bildung des Kindes darauf gerichtet sein muss, die Persönlichkeit, die Begabung und die geistigen und körperlichen Fähigkeiten des Kindes voll zur Entfaltung zu bringen.«

Alle Kinder haben sich nun hingesetzt oder -gelegt und sehr aufmerksam zugehört. Sie sehen ein bisschen ratlos aus. Ein Kind mutmaßt, der Text könnte etwas mit Falten zu tun haben und daraus entsteht die Idee, »etwas zur Entfaltung zu bringen« könnte vielleicht mit Bügeln zusammenhängen.

Ich weiß, in diesem Text sind sehr viele merkwürdige Wörter drin, denn das Gesetz ist von Erwachsenen für Erwachsene aufgeschrieben worden. Habt Ihr eine Idee, was das sein könnte: »Körperliche Fähigkeiten«?
Alle: Nein.

Welches Wort steckt in »körperlich« drin?
Mieke: Herz!

Es hat in gewisser Weise mit Herz zu tun, ich meine aber ein anderes Wort.
Alma: Körper?

Genau. Was könnten dann wohl die Fähigkeiten sein, die gemeint sind?
Mieke: Dass das Herz klopft?

»Man braucht Platz!«

Denkt mal an Sachen, die ihr noch nicht konntet, als ihr auf die Welt gekommen seid. Bei Babys schlägt das Herz ja schon, das muss niemand lernen. Andere Dinge können wir aber noch nicht von Anfang an, die müssen wir erst üben. Und das bedeutet dann »die Fähigkeiten entfalten«. Fällt Euch da etwas ein?
Alma: Reden.
Betty: Laufen!
Mieke: Aber zuerst krabbeln.
Alma: Pupsen! (Alle lachen sich fast schlapp)
Mieke: Klettern! Das habe ich von meiner Schwester gelernt.
Betty: Ich hab das zuhause gelernt.

Was brauchen Kinder Eurer Meinung nach, um ihre körperlichen Fähigkeiten entwickeln zu können?
Alma: Nix. Das geht von allein.
Betty: Trinken. Und Essen.
Alma: Und man muss immer die Regeln kennen. Zum Beispiel darf man nicht mit vollem Bauch ins Wasser. Sonst gluggert man unter mit dem Körper.
Mieke: Oder wenn man zu schwer ist. Dann gluggert man auch unter.
Betty: Man muss aber essen! Nur nicht zu viel.
Mieke: Man braucht Platz! Und zum Klettern braucht man noch Kletterschuhe. Und irgendwas zum dran Klettern. Das kann aber alles Mögliche sein. Ich hab eine Kletterwand und einen Garten, wo ich klettern kann.
Alma: Ich hab keinen Garten. Aber einen Spielplatz vor meinem Haus.
Betty: Ich hab Turnringe. Also, die heißen Turnringe, aber man kann klettern damit.

Vermutlich liegt es auch am Raum, in dem wir uns befinden, dass Klettern gerade das Allertollste zu sein scheint. Mir werden jedenfalls viele weitere Möglichkeiten vorgeschlagen, woran man klettern könnte (am Kletterseil bei Mamas Freundin, am Gerüst auf dem Spielplatz, wo auch die lange Rutsche ist), obwohl es unter Umständen auch ein bisschen gefährlich ist (auf Möbel).

Habt Ihr so ein Netz oder so eine dicke blaue Matte auch zuhause oder nur in der Kita?
Betty: Nein, das gibt es zuhause nicht.
Alma: Hier gibt es alles! Und ohne Kita wären die Kinder alle allein zuhause. Wegen: Die Eltern arbeiten ja!
Betty: Und die Kinder können da auch ein bisschen was lernen.

Gibt es eine bestimmte Sache, die ihr gerne lernen würdet?Mieke: Ein Vogelnest würde ich gerne machen.

Ein Vogelnest?
Mieke: Das gibt’s! Dafür braucht man an ein Trapez und da hängt man sich dran und macht die Beine nach hinten und mit den Armen hält man sich fest und dann ist es ein Vogelnest. Meine Schwester kann das, die geht zum Zirkus. Die ist sogar schon mal auf Stelzen gelaufen!
Betty: Man kann auch auf’m Seil gehen!

Foto: Jan Brandes

Oh, das ist alles sicher sehr schwierig.
Alma: Nein, weil alles, was man kann, ist leicht.
Mieke: Man kann auch auf einem Pferd stehen! Oder Kopfstand auf dem Pferd. Gibt’s alles im Zirkus.

Den Mädchen fallen noch viele andere Dinge an, die man mit dem Körper machen kann – springen, hüpfen, sich ganz klein machen und sogar verbiegen. Sie unterhalten sich darüber, wie praktisch es doch sei, wenn der Körper aus Gummi wäre. 

Wisst Ihr eigentlich schon, woraus der Körper wirklich gemacht ist?
Mieke: Aus Herz!
Betty: Aus der Leber.
Alma: Und aus Knochen.
Mieke: Aus Schulterblatt auch. Und aus Haut.
Alma: Aus Blut.

Die Mädchen diskutieren leise untereinander, ob der Körper außerdem auch aus Metall sein könnte. Eine hat einmal etwas von Eisen gehört und dass Eisen ein Metall ist, das wissen sie offenbar auch schon. Sie wollen sich dann aber doch nicht auf Metall festlegen lassen und gehen lieber auf Nummer sicher.

Betty: Und außerdem ist der Körper aus dem Magen gemacht.
Alma: Und aus Wirbelsäule! Und auch aus Salz.

Der Körper ist sogar noch aus einigem mehr gemacht. Zum Klettern zum Beispiel braucht ihr Muskeln, damit ihr euch gut bewegen und festhalten könnt. Erstaunlich eigentlich, aus wie vielen verschiedenen Teilen ein Ganzes wird, das dann so gut funktioniert, oder?
Mieke: Es kann aber auch mal was kaputtgehen. Mir ist einmal ein Zahn rausgefallen.

Oh, das ist ungewöhnlich. Du bist ja erst vier, meistens fallen die ersten Zähne erst etwas später aus.
Mieke: Ich war da noch viel, viel kleiner! Ich wollte rutschen und plötzlich ist eine Rückwärtsrolle passiert. Und dann ist der Zahn rausgefallen und ich musste ins Krankenhaus.
Betty: In der Kita ist einmal ein Kind von einer Biene gestochen worden und war allergisch. Dann ist ein Hubschrauber gekommen mit einem Arzt drin.

Normalerweise kommt aber nicht der Arzt mit dem Hubschrauber, sondern man geht selbst zum Arzt. Macht Ihr das gerne?
Alma: Nein! Zum Arzt gehen ist schlecht. Es ist nah dran, wo ich wohne, aber es ist sehr langweilig.
Betty: Mein Arzt ist nicht nah dran aber er ist nett. Er hat eine Dinosaurier-Rutsche. Man kann auf dem Schwanz rutschen. Ich war auch schon mal zum Impfen beim Arzt.

Mieke, kennst Du diesen Arzt auch?
Mieke: Nein. Ich weiß nicht, wo mein Arzt ist und wie er heißt weiß ich auch nicht. Ich war da mal mit Husten und sollte ausatmen.
Betty: Ich sollte mal einatmen!

Ausatmen auch?
Betty: Nein, immer nur einatmen.
Alma: Ich einatmen und ausatmen.

Anscheinend geht Ihr zu verschiedenen Ärzten. Wie ist es mit Euren Körpern? Sind die auch verschieden oder eher gleich?
Mieke: Wir sind alle verschieden. Die Haarfarben sind verschieden.

Die Kinder halten die Köpfe aneinander und vergleichen die Haare, die Augenfarben und die Haut an ihren Armen.

Betty: Die Hautfarbe ist auch verschieden. Aber an den Beinen sind alle Körper gleich.
Alma: Genau! Jeder hat zwei!

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Miriam Holzapfel studierte Angewandte Kulturwissenschaften und interessiert sich für alltagskulturelle Praktiken aller Art. Sie ist Redakteurin bei prego.

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